Scheibenbremsen am Renner oder doch nicht? Vieles wurde diskutiert, vieles hinterfragt, Vor- und Nachteile abgewogen. Von der UCI zugelassen, dann wieder nicht, jetzt doch wieder… Die Fahrradindustrie ist sich einig: Scheibenbremsen sind die Zukunft. Ob es hier an der zu erwartenden Performance oder doch eher am zu erwartenden Umsatz liegt – jetzt weiß ich es 😉
Als mich Michi von Friesis Bikery angerufen hat, ob ich den Winter über nicht ein kleines tete-á-tete mit einem Scott Foil 10 Disc eingehen möchte, war ich natürlich ganz Ohr und zu jeder Schandtat bereit. So ein kleiner Seitensprung – mein Argon18 solls mir verzeihen – hat eben seinen Reiz…
Der erste Eindruck zählt.
Also wirklich, geil sind sie schon, diese Aero-Rahmendesigns. Und trotz der Tatsache, dass ich im Sommer oft mit stolz geschwellter Brust mein altes Stahl-Serotta für eine Schönwetterausfahrt aus dem Keller hole, bin ich definitiv ein Fan von “Design follows Function”. Und dass das Design hier auch tatsächlich Funktionalität aufweist, sieht man an jedem noch so kleinen Detail. Viel Integration, viel Aero-Optimierung, aufwändige Rohrschnitte und und und. Gepaart mit einer Ultegra DI2 Disc Gruppe, soliden Syncros Komponenten und Syncros Disc 2.0 Laufrädern kommt diese Rakete auf gerade mal 4.490,– Euro. Ist wirklich voll ok.

Genug gebrabbelt, rauf auf das Teil!
Was ist das denn? Ich habe mit einem pickelharten, jedes noch so kleine Steinchen wiedergebenden, den Körper knechtenden Aero-Prügel gerechnet und bin förmlich geschockt, wie sanft und komfortabel sich das Bike anfühlt. Der Rahmen dämpft derart gut, dass ich im ersten Moment instinktiv nach einem hinten verbauten Federbein ausschau gehalten habe… Die von Scott am Bike montierten 28mm Clincer-Contis tragen hierbei sicherlich ihren Teil bei, dennoch schreibe ich den Großteil des Komforts dem Rahmen zu. Die Sitzposition ist nicht überstreckt, sondern trotz deutlich spürbaren Race-Gene auf der komfortablen Seite. Raufsetzen und wohlfühlen – passt wie angegossen. Der Radstand ist recht kurz gehalten und entsprechend wendig und reaktionsfreudig gibt sich das Foil, ohne jedoch Kompromisse in der Linientreue hinnehmen zu müssen. Lediglich der mögliche Toe-Tap beim starken Einlenken könnte etwas stören, ist jedoch bei modernen Race-Geometrien gang und gebe.
Wenns läuft, dann läufts.
Einmal in Bewegung, gibt es nur noch Zug nach vorne. Am montierten Garmin scheint schnell mal die magische 4 auf. Das ist wohl nicht dem werblich so oft propagierten aerodynamischen Vorteil des Rahmens ab Tempo 45 mit 30 Watt geschuldet (so schnell bin ich einfach nicht, um das genießen zu dürfen …) sondern eher der extrem direkten Kraftübertragung über das extra massive Tretlager und den steifen Syncros Laufräder. Jedenfalls macht das Teil im Flachen so richtig Spaß und bringt mich kurzzeitig in andere Radlersphären.

Der Berg ruft!
Es wird hügeliger, um nicht zu sagen steil. Liegt es an den fahrfertigen 8,5 Kg oder doch an meinen verweichlichten Wadeln – aber die steilen Rampen der Südsteiermark zwingen mich immer wieder in den schweren Wiegetritt und lassen mir das Laktat aus den Ohren spritzen. Die Semikompakt-Kurbel mit 28er Ritzel hinten ist mir an diesem Bike bei 16+ Prozenten definitiv zu hart. Wäre es mein Bike, würde ich wohl als erstes die Standard-Laufräder gegen einen höherwertigen Satz Carbonteile tauschen und damit gleich mal mindestens ½ Kilo einsparen. Dann dürfte sich auch die Sache mit der etwas träge anfühlenden Beschleunigung erledigt haben. Zudem mal ehrlich: Dieser Renner schreit ja förmlich nach einem feinen Satz 40er oder 50er Carbonlaufräder. Das Geld sollte definitiv noch investiert werden.
Nur Positives zur negativen Beschleunigung.
Ja, Scheibenbremsen sind der Hammer. Der perfekte Druckpunkt, hervorragende Dosierbarkeit und quasi null Kraftaufwand verzögern das Bike, als ob es kein Morgen gäbe. Das ist fein. Das ist herrlich. Das will ich haben. Immer und nicht nur jetzt. Hier tun sich für mich neue Dimensionen auf. Gnadenlos wird gebolzt und geprügelt. Kurven trotz winterlichen Bedingungen immer später angebremst, die Schräglage immer steiler und langsam aber Sicher die Hose immer voller. Alles geht gut, sehr gut!!

Erfahrungen
Ich habe nun rund 500 km abgespult und diverse Erfahrungen gesammelt. Die aerodynamischen Vorteile des Bikes sind für Fahrer auf meinem Niveau vernachlässigbar. Es liegt wohl eher an der geilen Optik des Rahmens und der damit einhergehenden Material-Motivation, die mich (subjektiv) schneller sein lässt. Die DI2 tut, wofür sie bekannt ist. Präzise, leise, schnell und kaum spürbar schalten. Ob man DI2 braucht oder nicht ist wohl Geschmacksache, mir gefällt sie jedenfalls. Was man aber definitiv braucht sind Scheibenbremsen. Ja, ich bin begeistert. Das riesen Plus an Komfort, Sicherheit, Dosierbarkeit und Effizienz bei gleichzeitig geringstem Kraftaufwand hat mich voll überzeugt. Die Laufräder hingegen müssen weg. Die eignen sich für die Rolle, aber haben an diesem Bike ansonsten nichts verloren.
Die Welt ist eine Scheibe
Danke Michi, dass ich den Winter über mit dem Foil 10 Disc bolzen darf. In der Konfiguration ist es für meine flachen Ausfahrten perfekt und macht so richtig Spaß! Für den Berg könnte es jedoch leichter sein. Wie wärs mit neuen Laufrädern oder gleich dem Foil Premium Disc?? Eines ist für mich jedoch klar: Meine Welt ist nun eine Scheibe!