Cyclist DEV

Manchmal kann man sich schon fragen, ob es wirklich immer neue Trends und Erfindungen braucht. Reicht es nicht, dass es Rennräder, Tourenräder und Mountainbikes gibt? Hat es da jetzt wirklich noch das Gravelbike gebraucht oder ist das doch wieder nur eine absatzfördernde Erfindung der Fahrradindustrie? Seit dieser Runde kennen wir die Antwort und die lautet Eindeutig: Ja, darauf hat die Welt gewartet. Zu viel und zu grober Schotter, um mit dem Rennrad glücklich zu werden, und doch wieder insgesamt zu gut befahrbar und zu lange Asphaltabschnitte, um ein plumpes Mountainbike zu benötigen. Bleibt noch ein Gravel/Cross-Rad, um diese phantastische Runde in Angriff nehmen zu können.

 

Eine ideale Möglichkeit, Triest in Richtung Süden zu verlassen, bietet der Radweg Giordano Cottur. Der Radweg ist einem ehemaligen Triestiner Radrennfahrer gewidmet, der in den Nachkriegsjahren immerhin dreimal zweiter beim Giro d’Italia wurde. Er verläuft auf einer stillgelegten Bahntrasse, die einst Triest mit dem slowenischen Hrpelje verband. 

Von Triest hinauf auf das Karstplateau zu kommen, ist ja gar nicht so leicht. Denn entweder sind die Straßen klein und unfassbar steil, oder so verkehrsreich, dass dieser Radweg eine in beiden Punkten willkommene Abwechslung bietet. Dafür ist er ab dem Triestiner Vorort Altura halt unbefestigt und man weiß alsbald, warum man ein geländegängiges Rad gewählt hat.

Die Trasse führt hinein in das landschaftlich wunderschöne Val Rosandra. Im von Höhlen und Grotten durchsetzten Triestiner Karst ist das Val Rosandra das einzige Tal und die Rosandra, die das Tal durchfließt, der einzige oberirdische Fluss. Stets in moderater Steigung wechseln sich Tunnels und aussichtsreiche Abschnitte ab und an Fotomotiven mangelt es wahrlich nicht. 

Nach dem Grenzübertritt ist auf slowenischer Seite dann bald die Karst-Hochebene erreicht und bei erster Gelegenheit verlässt man den Radweg und fährt über den Weiler Mihele zur Hauptstraße, die von Kozina heraufzieht. Auf dieser geht es zurück zur italienisch-slowenischen Grenze und dann mit leichtem Gefällt hinunter nach Basovizza. Hier verlässt man die Hauptstraße und wieder deutlich verkehrsberuhigter erreicht man das nette Dorf Gropada, wo der nächste Gravelabschnitt beginnt. 

Der leicht abfallende, ausreichend breite Waldweg bietet puren Fahrspaß und fast zu bald erreicht man wieder befestigten Untergrund.

Nach Überquerung der Autobahn bei Trebiciano folgt dann ein weiterer unbefestigter Abschnitt. Dieser knappe Kilometer erreicht dann die Grenze zu dem, was mit einem Gravelrad noch Sinn macht. Aufgrund der Kürze und der Tatsache, dass es sich immerhin um einen offiziellen Radweg handelt, wollen wir uns aber keine unnötige Blöße geben und beißen die Zähne zusammen.

Vorbei an einer ehemaligen Kaserne erreicht man das Dorf Banne, wo nach kurzem Anstieg dann ein letzter Schotterabschnitt folgt. Hoch über der Bucht von Triest verläuft dieser panoramareiche Abschnitt immer am Rand des Karstabbruches bis zum Obelisk von Opicina, von wo es dann nur mehr steil hinunter in das Stadtgebiet von Triest geht.

Eine Runde, die einem einfach Spaß machen muss.

 

Was für ein Erlebnis! Zugegeben, es ist nicht nach Jedermanns Geschmack, sich mit 5000 von der Leine gelassenen, übermotivierten Italienern in einen schmalen Schotterweg zu quetschen. Schließlich sind sie genau so radikal auf zwei Rädern unterwegs, wie sie Auto fahren: soll doch der andere nachgeben! Irgendwie geht sich das ganze dann zwar doch meistens aus, so viele offensichtliche Sturzfolgen wie hier – leere Trinkflaschen, abgebrochen Fahrradteile, verletzte Fahrer – sieht man bei anderen Veranstaltungen aber definitiv nicht am Straßenrand liegen. Wer sich von diesem Szenario nicht abschrecken lässt, kann sich auf eine wunderschöne Runde in typisch toskanischem Flair gefasst machen und versteht jetzt, warum Strade bianche von manchen schon als das sechste Monument des Radsports bezeichnet wird.

 

Ein kleiner Tipp vorweg: Man sollte es unbedingt vermeiden, seine Startnummer unmittelbar nach Start des Männer-Elite-Rennens am Samstag Vormittag abzuholen. Diese Idee haben nämlich fast 5000 andere auch und die Grundstimmung in den nur schleppend vorankommenden Warteschlangen ist nichts für sanfte Gemüter.

Hat man sein großzügiges Starterpaket mit Trikot und Weste aber erst in Händen, heißt es hinaus aus der Stadt und sich an einem der Schottersektoren zu positionieren, bevor die Profis vorbei donnern.

So holt man sich, falls es dessen überhaupt bedarf, die nötige Motivation für den nächsten Tag, wo man sich im Morgenfrost vor der Fortezza Medicea einfindet. Gilt es während der ersten 20 Kilometer nur die Schwierigkeit zu meistern, sich im hektischen Fahrerpulk zu behaupten, geht es danach Schlag auf Schlag. Auf den nächsten 35 Kilometern warten die ersten vier Schottersektoren, wovon der längste immerhin fast sechs Kilometer lang ist. Während der erste Sektor technisch noch einfach ist, warten die folgenden Sektoren dann mit zunehmend verwinkelten Kurven, steilen Rampen und abenteuerlichen Abfahrten auf. Hier sollte man doch darauf achten, dass sich Motivation und Risikobereitschaft mit einer entsprechenden Menge an Vor-, Über- und Rücksicht die Waage halten.

Nach diesen vier Sektoren kann man erst einmal etwas durchatmen. Auf gut ausgebauter und vor allem gut abgesicherter Straße geht es weitgehend flach im Tal des Arbia von Buonconvento nach Monteroni d’Arbia.

Bevor man aber zu sehr in der Komfortzone versinkt, wird die Hauptstraße wieder verlassen und es geht hinein in die Crete Senesi. Der mit 9,5 Kilometern längste Schotterabschnitt führt quer durch diese karge Erosionslandschaft, wobei dieser Sektor in umgekehrter Richtung bereits in unserer Runde Crete Senesi befahren wurde.

Damit ist dann zwar der längste, aber sicherlich noch nicht der schwierigste Sektor bewältigt. Nach der Abfahrt nach Taverna d’Arbia und einigem Auf und Ab auf durchwegs asphaltierten, wenngleich teilweise doch recht steilen Straßen warten dann jenseits der 120 Kilometer-Marke noch zwei ordentliche Kaliber. Die beiden letzten Sektoren, Colle Pinzuto und Le Tolfe, sind zwar jeweils nicht allzu lang, mit ihren bei 15 und 18% liegenden Maximalsteigungen verlangen sie den Oberschenkeln allerdings noch einmal alles ab.

Das war es dann aber mit den Strade bianche, es geht zurück nach Siena, wo wie bei den Profis die ruhm- und stimmungsreiche Zieleinfahrt auf der Piazza del Campo wartet. Und selbstverständlich müssen hierfür auch wir wie die Profis die zwar kurze aber extrem knackige Altstadtauffahrt meistern, die 2018 auch Wout van Aert bei seiner Fahrt zu Platz drei zum Absteigen gezwungen hat.

 

Wer auf das jährlich im März ausgetragene Profirennen Strade Bianche und den regelmäßig vom Giro d’Italia besuchten Colle delle Finestre steht,  der kommt auch auf dieser Runde durch Südkärnten auf seine Kosten: ein Schotterpass, wie ihn sich Rennrad-Traditionalisten erträumen, eingebaut in eine anspruchsvolle und landschaftlich wie historisch überaus interessante Runde.

Gestartet wird in Ferlach, dem Hauptort des Rosentals. Man sucht sich einen Weg durch den Ort zur B85 der Rosental Straße, der man die nächsten 25 Kilometer folgt. Östlich von Ferlach kann man es sich dank des geringen Verkehrsaufkommens ruhig erlauben, die Bundesstraße zu befahren. Und so geht es entspannt ohne Orientierungsschwierigkeiten ostwärts, wobei einen der Anstieg hinauf zur Abzweigung zum Freibacher Stausee doch ganz schön ins Schwitzen bringt. Angesichts der noch zu bewältigenden Höhenmeter sollte man die steilen Rampen bei St. Margareten zu diesem frühen Zeitpunkt der Runde nicht allzu motiviert angehen.

Es folgt die Abfahrt hinunter nach Galizien, und da ab der Einmündung der L107 doch etwas mehr Verkehr herrscht, zahlt es sich aus auf die kleinen Straßen entlang der Vellach auszuweichen und diesen bis Sittersdorf zu folgen. 

Nach einem kurzen Anstieg biegt man nach dem Sonnegger See rechts ab nach Tichoja und Altendorf und man kann sich schon für den zweiten Anstieg des Tages bereit machen, den nicht allzu langen, dafür umso knackigeren Hemmaberg. Vom höchsten Punkt der Straße wären es zu Fuß nur einige Minuten auf den Gipfel, wo sich die Ausgrabungen einiger frühchristlicher Kirchen aus dem 5. Jahrhundert befinden. Dafür haben wir heute natürlich keine Zeit, folgt doch nach der kurzen Abfahrt hinunter nach Globasnitz der Höhepunkt der Tour, der Luschasattel. Neben dem Hemmaberg hat Globasnitz noch weitere Sehenswürdigkeiten zu bieten, einerseits die schöne romanisch-gotische Pfarrkirche, andererseits das groteske Schloss Elberstein, das seit den 70er Jahren in Eigenregie und Handarbeit vom gelernten Tischler Hans Elbe (daher auch der Name Schloss Elberstein) erbaut wurde. 

Nachdem wir aber nicht zum Sightseeing sondern in ernsthafter Mission unterwegs sind, wird nicht lange gefackelt und die etwa zehn Kilometer und 730 Höhenmeter auf den Luschasattel in Angriff genommen. Bei der Straße handelt es sich zwar um eine Landesstraße, dennoch ist diese Auffahrt auf den Pass großteils nicht asphaltiert. Im unteren Bereich ist die Straße noch recht komfortabel zu befahren. Im oberen Bereich sollte man sich allerdings nicht über befremdete Blicke und so manchen Kommentar der Mountainbiker zur Wahl des Rades wundern. Wir kümmern uns aber nicht darum, lassen die Mountainbiker den hinter uns aufgewirbelten Staub schlucken, um uns hinter der nächsten Serpentine dennoch fluchend zu fragen, wann endlich wieder der dem Rennrad eigentlich bestimmte Untergrund erreicht wird.

Oben auf der Passhöhe ist es dann so weit und auf dem heiß ersehntem Asphalt folgt eine enge steile Abfahrt hinunter in den Leppengraben und nach Bad Eisenkappel. Noch zu Beginn der Abfahrt nur zwei Kilometer nach dem höchsen Punkt kommt man an der Abzweigung zum Peršmanhof vorbei. Die heutige Gedenkstätte mit einem Museum zu Geschichte und Widerstand der Kärntner Slowenen diente im zweiten Weltkrieg als Partisanenstützpunkt und erlangte durch das Massaker an elf Zivilisten, vier Erwachsenen und sieben Kindern, durch Mitglieder eines SS-Regiments kurz vor Kriegsende traurige Berühmtheit. http://www.persman.at/museum

In Bad Eisenkappel sollte man unbedingt noch die Trinkflaschen auffüllen, denn auch der noch anstehende vierte Anstieg des Tages auf den Schaidasattel verlangt einem noch einiges ab. Zunächst geht es mit nur geringem Höhengewinn durch den ruhigen und idyllischen Ebriachgraben. Sobald man aber das Gasthaus Srienc erreicht, wo links die Sackstrasse durch die schöne Trögerner Klamm abzweigt, ist es vorbei mit der Gemütlichkeit. Auf den nächsten fünf Kilometern sind immerhin noch knapp 400 Höhenmeter zurückzulegen und die Steigung klettert einige Male auf deutlich über zehn Prozent. 

Auf der anderen Seite geht es ebenso steil hinunter und wer sein letztes Pulver am Schaidasattel verschossen hat, der wird es jetzt bitterlich bereuen, denn es warten noch 5 Kilometer mit zwar moderater aber doch kontinuierlicher Steigung hinauf nach Zell Pfarre. Dann aber ist es geschafft. Die Karawanken zeigen sich von ihrer schönsten Seite und unter der Koschuta geht es nur noch bergab bis zum Ausgangspunkt.

Wer so tickt wie ich und sich auch nach vielen Rennradjahren noch über jeden Hunderter freut, muss noch eine 3 Kilometerschleife in Ferlach einbauen. 97 Kilometer hat sich diese Runde nämlich definitiv nicht verdient.