Das Bodenseeklima begünstigt Ausfahrten früh im Jahr und das Höhenprofil dieser Tour gleicht auf weiten Teilen einer Herzstillstandsamplitude. Vor den Touristenströmen braucht man auch keine Angst zu haben: Die Radwege erweisen sich ohnehin wegen etlicher Schotterpassagen als wenig rennradfreundlich. Deshalb bietet sich ein Ausweichen auf die Landstraßen an, welche fast durchgehend einen von der Autofahrbahn abgegrenzten Fahrradstreifen haben – eine vernünftige und tolle Sache!
Wir sind diese Bodensee-Umrundung in entspannten drei Tagen angegangen, aber natürlich können sportlich Ehrgeizige auch die eine oder sogar andere Übernachtung unterwegs einsparen.
Die Tourenbeschreibung für den ersten Teil der Rundfahrt ist eigentlich denkbar einfach: Es geht stets dem Südufer des Bodensees entlang; wahlweise auf der Landesstraße Nr. 13 oder auf einer näher am See entlang führenden Variante. In einem der zahlreichen gemütlichen Cafés mit Seeblick kann man ein Eis schlecken oder einen „Kaffi“ trinken und so tingelt man über Arbon und Romanshorn vorbei an Kreuzlingen zum Südufer des Untersees.
Hier wird es etwas ruhiger, weil viele Radtouristen die Abkürzung über Konstanz nehmen. Folgt man aber dem Untersee weiter, erreicht man den westlichsten Punkt der Runde in Stein am Rhein, das neben Schaffhausen nur einer von zwei Schweizer Orte am nördlichen Rheinufers ist. Die Altstadthäuser in Stein sind reich bemalt und leuchten bunt in der Abendsonne. Kaum zu glauben, dass die Stadt gegen Ende des 2. Weltkriegs wegen einer Verwechslung bombardiert wurde.
Eine der vielen Übernachtungsmöglichkeiten ist der Gasthof „Adler“ in Wangen, nur wenige Kilometer von Stein am Rhein entfernt. Es gibt einen gemütlichen, kastanienbeschatteten Gastgarten, in dem Bodenseefische in verschiedenen Zubereitungsarten serviert werden. Jedenfalls sollte man nicht vergessen, die Flüssigkeitsspeicher wieder zu füllen. Hier reicht das Stichwort: Müller Thurgau.
Damit auch die Klettermuskeln auf ihre Rechnung kommen, geht es nun, in unserem Fall am nächsten Tag, gleich hinter dem Gasthof hinauf auf den Schiener Berg und hinter Radolfzell gleich wieder bergan bis Liggeringen. Beide Anstiege sind kurz, ohne Schwierigkeiten zu bewältigen und bieten dabei schöne Ausblicke auf den See.
An Nordufer des Sees kommt man vorbei an Meersburg, eine der ältesten Burganlagen Deutschlands. Das hübsche Städtlein ist heute eine Touristenhochburg und konsumierende Besucher werden besonders geschätzt. Je nach Wetter gibt es im Laufe der weiteren Kilometer mehrere Möglichkeiten auch einen Tauchgang im Schwäbischen Meer zu unternehmen; ein frei zugänglicher Strand ist zum Beispiel in Kressbronn. Der Ort eignet sich deshalb für eine Pause, weil es danach durchaus hügelig und mit ständigem Höhengewinn weg vom See ins Landesinnere nach Wangen im Allgäu geht.
Auf den verkehrsarmen Landstraßen kitzelt man die letzten Körner aus den Oberschenkeln. Es geht vorbei an Schleinsee und Degersee, bei der Durchfahrt von Busenhaus kommt man kurz auf andere Gedanken und lenkt dann schließlich ein ins denkmalgeschützte Wangen im Allgäu.Und damit erklärt sich auch der Titel der Runde: Wie am ersten Tag übernachten wir in Wangen, diesmal allerdings nicht am westlichen Seeufer hart an der Schweizer Grenze sondern im Allgäu. Es gibt viele Übernachtungsmöglichkeiten, zum Beispiel das Hotel „Allgovia“. Von dort kann man durch die Altstadt zur Pizzeria Romantica spazieren, wo sehr leckere Pizzen und Pastagerichte serviert werden.
Die letzte Etappe geht zunächst hügelauf-hügelab durchs Alpenvorland. Teilweise sind die Anstiege richtig knackig, zum Beispiel kurz vor Lindenberg, wo es keinen im Sattel hält. Landschaftlich und radtechnisch wirklich schön ist dann die zehn Kilometer lange Auffahrt von Rothach nach Sulzberg. Oben angekommen wird die Sonnenterasse „Alpenblick“ ihrem Namen gerecht. Einen Besuch wert ist jedenfalls auch der Laden der Käserebellen direkt an der Straße. Hier gibt es neben dem bekannten Vorarlberger Bergkäs alle möglichen Feinheiten und Spezialitäten.
Danach pfeift man, ein kurzer Gegenanstieg ausgenommen, hinunter nach Bregenz. Dort bekommt man das beste Gelatto in town bei „Isola Bella“ und schlecken kann man es am nahe gelegenen See. Wenn es das Wetter zulässt, kann man in „Neu Amerika“, einem freien Seebad zwischen Bregenz und Hard, nochmal untertauchen, bevor es zurück zum Ausgangspunkt geht.
Dass Stuttgart Autostadt ist, ist weithin bekannt. Dass es allerdings auch Weinstadt ist, weiß kaum wer. In immerhin 16 von 23 Stadtbezirken wird Wein angebaut, dass soll erst einmal eine andere Großstadt übertreffen. Und wie man als begeisterter Cyclist weiß, sind Weinbaugebiete, egal, wo auf der Welt, von einem Netz an asphaltierten Kleinstraßen durchzogen und so im ganz besonderen Maße fürs Rennradfahren geeignet. Und so kommt es, dass man auch hier in der Autostadt wunderbare und vor allem ruhige Ausfahrten machen kann.
Dass Weinbau auch in Stuttgart vorwiegend in Steillagen betrieben wird, merkt man bereits zu Beginn der Runde, wenn es über die Alte Weinsteige hinaus aus der Stadt geht. Der zwar nicht sehr lange, aber unangenehm steile Anstieg war in vergangenen Jahrhunderten die Hauptein- und -ausfahrtsstraße im Süden Stuttgarts. Dass dabei bis zu 16 Pferde notwendig waren, um die voll beladenen Karren und Kutschen aus der Stadt zu bringen, kann man sich leicht vorstellen. Heute gibt es hier nur mehr wenig Verkehr und die Radfahrer teilen sich die Straße in erster Linie mit der parallel verlaufenden Zahnradbahn.
Oben angekommen erreicht man die Filder, eine fruchtbare Hochebene im Südosten Stuttgarts und über das schöne und schnurgerade Königssträßle kommt man in den Stuttgarter Stadtteil Birkach. Beim von der Straße unscheinbar wirkenden Schloss Hohenheim, verlässt man das Stuttgarter Stadtgebiet, am Charakter ändert das aber nur wenig. Nach wie vor auf kleinen Straßen geht es durch die Ortschaften im idyllischen Körschtal ostwärts.
Bewegen wir uns zunächst im Körschtal, wird dieses bald darauf bei Nellingen überquert. Dieses 724 Meter lange Viadukt wurde bald nach seiner Eröffnung aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens für Radfahrer gesperrt. Erst im Sommer 2018 wurden die Fahrbahnen verschmälert und so Platz für einen aussichtsreichen Fahrradweg geschaffen.
Nellingen und Zollberg werden durchquert, bevor es über einige Serpentinen hinunter in das Neckartal nach Esslingen geht.
Auf der Suche nach deutschen Städten mit gut erhaltener mittelalterlicher Bausubstanz und Fachwerkhäusern kommt man an Esslingen nicht vorbei. Der gut erhaltene Altstadtkern mit seinem Schmuckstück, dem Rathaus, beinhaltet die älteste zusammenhängende Fachwerkhäuserzeile Deutschlands und ist es allemal wert, einen Besuch, in unserem Fall eine kleine Extraschleife, abgestattet zu bekommen.
War die Runde bis jetzt schon lohnend, die Schleife durch Esslingen ein touristischen Highlight, folgt der schönste Teil der Runde aber jetzt erst. Zunächst noch auf Kopfsteinpflaster, später wieder auf Asphalt geht es durch die Weinberge des Neckartals zurück Richtung Stuttgart. Während sich am Talboden die Mercedes-Werke breit machen, hat man hier heroben seine Ruhe und trifft nur den ein oder anderen Spaziergeher.
Auch nach Querung des Neckartals bei Obertürkheim geht es auf der südlichen Neckarseite ähnlich idyllisch weiter. Durch Weinberge geht es noch ein letztes Mal bergauf, bevor es wieder hinunter in den Stuttgarter Kessel und zurück zum Ausgangspunkt geht.
Trotz Grünem Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg und Grünem Oberbürgermeister gilt Stuttgart doch nach wie vor als ausgewiesene Auto-Stadt. Auch im aktuellen Fahrradklima-Test weiß Stuttgart nicht unbedingt zu überzeugen. Und doch findet man in und im unmittelbaren Umfeld der Stadt schöne Rennradmöglichkeiten, wobei man zu verkehrsarmen Zeiten natürlich schon deutlich entspannter unterwegs ist.
Egal von wo man startet, in unserem Fall vom Bahnhof, oberstes Ziel muss sein, Stuttgart Mitte so schnell wie möglich zu verlassen. Richtung Westen bietet sich dafür die Kombination aus Panorama- und Birkenwaldstraße an. Nicht nur wegen der hübschen Straßennamen, sondern weil man wirklich gleich schöne Blicke auf das bereits nach kurzer Zeit unter einem liegende Stadtgebiet erhält. Auch die Bebauung nimmt rasch ab und so ist es kein Zufall, dass am höchsten Punkt dieses ersten Anstiegs der Stuttgarter Bismarck-Turm steht. Und bekanntlich stehen die meisten dieser noch erhaltenen 173 Türme an aussichtsreichen Orten.
Der Höhenrücken des Krähenwaldes wird überquert, bevor es durch das Feuerbach-Tal in den gleichnamigen Stuttgarter Stadtteil geht. Die Weiterfahrt von Feuerbach nach Weilimdorf, das ebenfalls noch zum Stuttgarter Stadtgebiet gehört, verläuft durch die Weinberge, eine Idylle, die ruhig noch etwas länger andauern könnte.
Liegt Weilimdorf erst hinter einem, ist auch bald die Stadtgrenze erreicht. Auf nach wie vor kleinen, verkehrsarmen Straßen erreicht man Gerlingen, wo es nach Durchquerung des Städtchens über drei Serpentinen die Schillerhöhe zu erklimmen gilt, was aber angesichts der Kürze und moderaten Steigung keine größeren Schwierigkeiten bereitet. Störender kann hier sicherlich der Verkehr sein, weshalb man Stoßzeiten unter der Woche besser meidet. Oben auf der Schillerhöhe befindet sich neben einer Lungenheilanstalt auch das bereits wieder zum Stuttgarter Stadtgebiet gehörende Schloss Solitude.
Dieses zu Repräsentationszwecken erbaute Schloss, wurde seinem Erbauer Herzog Carl Eugen von Württemberg, dessen prunkvolle Hofhaltung keinen geringeren als Giacomo Casanova zu begeistern wusste, bald zu teuer. Deshalb wurde schon bald nach Fertigstellung die Hohe Karlsschule als Eliteschule für Söhne angesehener württembergischer Familien darin untergebracht. Bekanntester Schüler war zweifellos Friedrich Schiller, der einige Jahre auf Solitude verbrachte und dessen Vater zum herzoglichen Hofgärtner auf Schloss Solitude bestellt wurde.
Über den oberen Kirchhaldenweg geht es hinunter nach Botnang, wo man den aufkommenden Hunger in der Bäckerei Klinsmann stillen kann. Die Bäckerei wird nach wie vor von der Familie des Fußball-Weltmeisters und späteren Bundestrainers betrieben und auch Jürgen Klinsmann selbst hat hier schon das Bäckerhandwerk erlernt. „Bäcker kannst du bei mir machen, da kannst du zum Training gehen, wann du willst“, hatte Vater Siegfried Klinsmann gesagt.
Egal ob solchermaßen gestärkt oder weiter knapp am Hungerast, einmal heißt es noch, kräftig in die Pedale zu drücken. Botnang liegt nämlich, wie Stuttgart selbst auch, in einem von Hügeln umgebenen Kessel, und erst vom Botnanger Sattel aus geht es dann wieder hinunter in die Niederungen der Großstadt.
Es ist immer wieder überraschend, welch ruhige und idyllische Gegenden man im Umkreis von Großstädten findet. Der etwas nördlich der Landeshauptstadt Baden-Württembergs gelegene, teilweise sogar noch zur 3 Millionen-Region Stuttgart gehörende Schwäbisch-Fränkische Wald ist so ein Beispiel. Hat es früher etwas spöttisch geheißen, dass man in dieser dünn besiedelten Region die Dörfer mit einer Laterne suchen muss, so hat sich am Grundcharakter der Gegend bis heute nicht viel geändert: eine ruhige, einsame, von kleinen Weilern beherrschte harmonische Landschaft, die jedoch von einem engmaschigen Netz wenig befahrener Straßen durchzogen ist: ein Paradies für Rennradler sozusagen. Das können wir uns nicht entgehen lassen!
Ausgangspunkt dieser Runde ist Winnenden, das etwa 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart liegt. Nach einigen entspannten Kilometern zum Einradeln starten bald die ersten Hügel. In ständigem Auf und Ab geht es Richtung Norden, aber im Vergleich zu den noch kommenden Abschnitten halten sich die Schwierigkeiten der ersten 30 Kilometer durchaus in Grenzen. Erst nachdem man die imposante Burg Lichtenberg und wenig später bei Schmidhausen den Eingang in den Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald passiert hat, werden die Zacken im Höhenprofil ausgeprägter. Kein Wunder, geht es doch hinein in die Löwensteiner Berge, ein bis 561 Meter hoher Gebirgszug innerhalb des Naturparks.
Zunächst empfiehlt sich ein Abstecher durch die Weinberge von Maad und Billensbach mit schönen Blicken zurück auf das Tal des Neckar. Danach gönnen einem die Steigungen nach Stocksberg und Wüstenrot kaum eine Verschnaufpause.
Wer jetzt schon ein Päuschen einlegen möchte, kann dem Bausparmuseum in Wüstenrot, einer kleinen Ortschaft, in der in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts die bekannte Bausparkasse gegründet wurde, einen Besuch abstatten. Ansonsten geht es auf durchwegs kleinen und verkehrsfreien Straßen weiter nach Altfürstenhütte und Großerlach.
Den nun folgenden Abschnitt durch das idyllische Rottal muss man sich an Wochenenden mit zahlreichen Radausflüglern und Wanderern teilen. Nicht nur ihretwegen, sondern auch wegen dem im Gegensatz zum Rest der Runde nicht optimalen Zustand des asphaltierten Sträßchens leidet hier der Fahrluss etwas. Eine Verschnaufpause und kurze Regeneration schaden aber ohnehin nicht, liegt doch die Hälfte der Runde mit etlichen weiteren Anstiegen noch vor uns.
Zwei dieser nicht allzu langen, aber teilweise recht steilen Anstiege, trennen uns noch von der netten Kleinstadt Murrhardt.
Murrhardt wurde bereits zur Römerzeit gegründet und der Limes, der die zivilisierte Welt vor den germanischen Barbaren schützen sollte, verlief mitten durchs Stadtgebiet. Von den römischen Ursprüngen bekommt man zwar bei der oberflächlichen Betrachtung im Rahmen unserer Durchreise nicht viel mit, zu einem Espresso-Päuschen lädt der nette von Fachwerkhäusern umrahmte Hauptplatz aber allemal ein.
Die Stärkung tut gut und ist auch nötig, denn es geht in gewohnter Weise weiter. Gnadenlos reiht sich Anstieg an Anstieg. Zuerst von Murrhardt hinauf nach Waltersberg und weiter nach Sechselberg und Althütte. Schließlich warten nach einer tollen Abfahrt von Althütte hinunter nach Rudersberg noch zwei letzte Zacken im Höhenprofil, bevor man durch Felder und auf kleinen Straßen Winnenden erreicht.