Der Tourismus im Lake District boomt. Kein Wunder, gilt er doch mit den höchsten Bergen, den größten Seen und den steilsten Pässen Englands als eine der schönsten Gegenden der Insel. Ein Großteil der Besucher sind allerdings Briten, während im Rest Europas der Lake District (noch) weitgehend unbekannt ist, insbesondere weiß kaum jemand, welch großartiges Rennrad-Paradies sich hier versteckt. Während die alljährlich im Mai ausgetragene Fred-Whitton-Challenge über alle namhaften Pässe der Gegend führt, lassen wir es mit dieser Runde im sanfteren Süden ruhiger angehen. Ideal also, um den Lake District und seine Eigenheiten kennen zu lernen.
Zwei Eigenheiten gilt es dabei besonders zu beachten: Einerseits die engen, verwinkelten und meist von Steinmauern gesäumten Sträßchen, die sich zwar wunderbar in die herrliche Landschaft einfügen, die aber in Kombination mit dem ungewohnten Linksverkehr doch einiges an Aufmerksamkeit erfordern. Und andererseits die enorme Steilheit der Anstiege. Kaum geht es bergauf, und das tut es im Lake District oft, hat man mit Steigungen jenseits der 20% zu kämpfen.
Und dass dem tatsächlich so ist, wird einem eindrücklich gleich zu Beginn der Runde klar gemacht. Gestartet wird in Grasmere, einem hübschen Ort im Zentrum des Lake Districts, der sich hervorragend als Ausgangspunkt anbietet. Noch bevor das Ende des gleichnamigen Sees erreicht ist, muss man schon das erste Mal ordentlich Kraft einsetzen, um hinüber ins Great Langdale zu wechseln. Locker werden die 20% geknackt und die Oberschenkel brennen, noch bevor die Drei-Kilometer-Marke erreicht ist.
Dann ist aber erst einmal genießen angesagt. Es geht das idyllische Great Langdale hinein und man kann leicht nachvollziehen, warum es so viele wanderbegeisterte Briten hierher lockt. So schön es hier auch ist: je weiter man in das Tal hinein radelt, wird einem doch zunehmend klar, dass man hier nur mit einiger Anstrengung wieder heraus kommt. Und tatsächlich zweigt kurz vor dem schönen Talschluss ein kleines Sträßchen Richtung Süden ab, das über den Blea Tarn House wunderschön, aber gnadenlos steil hinüber ins Little Langdale führt. Hat man den Talboden im Little Langdale erreicht, kommt man zu einer Kreuzung, wo sich die Spreu vom Weizen trennt. Rechts abzubiegen sollte man sich gut überlegen, türmen sich doch unmittelbar hintereinander zwei der schwersten Anstiege ganz Englands auf: der Wrynose und der Hardknott Pass. Erleichtert biegen wir diesmal links ab, mit der Ahnung im Hinterkopf, dass uns das heute Vermiedene in den nächsten Tagen noch blühen wird. (Cumbrian Monsters)
Da sich die Berge im zentralen Teil des Lake Districts tummeln und die Landschaft Richtung Süden hin immer sanfter wird, liegen die schwersten Hindernisse dieser Runde nun bereits hinter uns. Gänzlich flach ist zwar auch der Rest der Runde nicht, aber verglichen mit dem, was der Lake District uns sonst in den Weg wirft, kann man jetzt beruhigt den Fahrtwind genießen.
Zunächst bis Coniston noch mit etwas Verkehr, dann aber wieder weitgehend autofrei geht es Richtung Süden. Am Ostufer des Coniston Waters, dem drittgrößten See im Lake District, verläuft eine kleine Straße, die sich grundsätzlich ideal in eine Runde einbauen lässt. Wir haben allerdings den großen Fehler gemacht, die an diesem Wochendenden überall aufgehängten Tafeln zu ignorieren, die auf 5000 Wanderer/Läufer hinweisen, die sich wie jedes Jahr an einem Mai-Samstag unerschrocken die 40 Meilen des Keswick to Barrow Walks zumuten.
Eingepfercht in diesen nicht enden wollenden Menschenstrom war an ein vernünftiges Weiterkommen gar nicht erst zu denken und unsere Geduld wurde 15 Kilometer lang ganz gehörig auf die Probe gestellt. Sir Malcolm Campbell und sein Sohn Donald hätten wohl keine große Freude mit unserer Geschwindigkeit gehabt. Vater und Sohn haben nämlich auf dem Coniston Water Geschwindigkeitsrekorde für Rennboote aufgestellt. Der Vater hat es in den 1930er Jahren bereits auf knapp 230 km/h gebracht, bevor der Sohn in den 1950er Jahren den Weltrekord auf 418,99 km/h erhöhte. Ein weiterer Rekordversuch endete für Donald dann aber bei über 480 km/h fatal. Die Überreste des Bootes wurden erst 2001 gefunden und werden immer noch mühsam für das örtliche Museum zusammengesetzt.
Bei erster Gelegenheit lassen wir die Wanderer ihrer Wege ziehen und auf wunderschönen Sträßchen erreicht man wenig später Ulverston, unseren südlichen Wendepunkt. Eine kleine Extrarunde darf hier keinesfalls fehlen, gilt es doch dem berühmtesten Sohn der Stadt einen Besuch abzustatten, zumindest der Statue vor dem einzigen Laurel and Hardy Museum der Welt. Ulverston ist nämlich die Geburtsstadt von Stan Laurel, der es Jahre später in Amerika gemeinsam mit Oliver Hardy zu großer Berühmtheit gebracht hat.
Trotz dieser Sehenswürdigkeit hält es uns nicht allzu lange in Ulverston, zu groß ist die Hoffnung am Rückweg ähnlich schöne Sträßchen wie während der ersten Rundenhälfte vorzufinden. Ein noch viel größerer Motivationsfaktor ist allerdings der allmählich aufkommende Durst auf ein frisch gepumptes Ale, der uns wahre Flügel verleiht.
Um es nicht allzu spannend zu machen, beide Wünsche gehen in Erfüllung.
Die Hügel zwischen Coniston Water und dem Lake Windermere sind durchzogen von wie für uns Rennradler gemachten Straßen, so dass die Rückfahrt keine Wünsche offen lässt, zumal motorisierter Verkehr kaum anzutreffen ist.
Und das Ale bei unserer Ankunft in Grasmere ist auch noch nicht ausgetrunken, obwohl sich mittlerweile tausende britische Rennrad-Enthusiasten in dem kleinen Ort tummeln, die alle genau wie wir die am nächsten Tag stattfindende Fred-Whitton-Challenge zum Saison-Highlight erkoren haben.
Rennrad in England boomt, British Cycling hat längst seine Vormachtstellung von der Bahn auf die Straße ausgedehnt und keine Ausfahrt auf der Insel, auf der einem den Wetterbedingungen zum Trotz nicht unerwartet viele Zweirad-Enthusiasten begegnen. Wenn es dann auch noch eine Veranstaltung gibt, die als “Britain’s Premier Cycle Sportive” angekündigt wird und von der in der Community nur in höchsten Tönen geschwärmt wird, kann es wohl keinen Zweifel mehr daran geben, was zum Jahresziel erkoren wird.
Ausgangspunkt ist das nette kleine Städtchen Grasmere, das als einer der schönsten Orte des Lake Districts gilt. Und das heißt was, denn was für ganz England gilt, hat auch im Lake District Gültigkeit: Haus und Garten werden gepflegt, gehegt und erhalten, wie sonst kaum wo auf der Welt. Von Steinmauern und Rosenhecken umgebene Städtchen und Cottages machen wahrlich so manches Home zum Castle.
Man kann also fast keinen idealeren Ausgangspunkt im Lake District wählen, als eben dieses Grasmere, was dann zusätzlich noch den Vorteil hat, dass Registrierung und Startnummernausgabe am Vortag der Fred Whitton Challenge ohne großen Aufwand in wohltuender, britischer Ruhe über die Bühne gehen.
Auch am entscheidenden Tag lassen die Briten erst gar keine Hektik aufkommen. Das gewohnte nervöse, teils aggressive Gedränge am Start wird geschickt durch einen fliegenden Start vermieden, wobei jeder Teilnehmer nach Belieben seine Startzeit zwischen sechs und acht Uhr morgens wählen kann.
Nachdem die Fred Whitton Challenge über alle großen Pässe des Lake Districts führt und es doch etliche dieser zwar allesamt nicht sehr langen, dafür aber umso steileren Anstiege gibt, ist es dann aber bald nach dem Start vorbei mit der Ruhe. Neun Kilometer müssen zum Einrollen reichen, bevor mit dem Kirkstone Pass gleich der höchste befahrbare Pass des Lake Districts wartet. Doch obwohl der Kirkstone mit Abstand der längste Anstieg ist, soll man sich auf der Passhöhe nicht zu sehr in Sicherheit wiegen und die im Vorfeld gehörten Horrorgeschichten von den absurd steilen Anstiegen nicht zu schnell als Ammenmärchen abtun. Die hier gefahrene Südauffahrt ist nämlich nicht nur der mit Abstand leichteste der drei Anstiege auf den Kirkstone Pass, sondern insgesamt für den Lake District außergewöhnlich flach.
Nach der rasanten Abfahrt, die für Geschwindigkeits-Enthusiasten nicht viele Wünsche offen lässt, geht es einige Kilometer dem Ullswater, dem zweitgrößten See im Lake District, entlang, bevor der nächste, ebenfalls noch relativ leichte Anstieg folgt.
Ist auch dieser bezwungen, folgen die mit Abstand reizlosesten Kilometer der Runde auf der Schnellstraße bis Keswick. Doch auch diese liegen bald hinter uns, und der folgende Abschnitt dem Derwent Water entlang hinein in das liebliche Borrowdale lassen dann das Rennradler-Herz wieder höher schlagen.
68 Kilometer sind zurückgelegt und allmählich fragt man sich, wo jetzt die großen Schwierigkeiten bleiben, insbesondere da die nächste Passhöhe laut Plan auch nur mehr 2,5 Kilometer vor uns liegt. Und doch erweist sich der Honister Pass, der sich ab dem Weiler Seatoller unvermittelt und gnadenlos aufbäumt, als erster Knackpunkt. Die Kunst ist nämlich weniger, die Fred Whitton Challenge zu absolvieren, als sie vielmehr durchgehend zu fahren. Viele der Teilnehmer schieben über die steilsten Abschnitte, was angesichts der Oberschenkel zerreissenden Steilheit einiger Abschnitte nur allzu verlockend ist. Zeitlich macht das keinen großen Unterschied, denn in den engen, bis zu 30% steilen Rampen erreicht man ohnehin nicht viel mehr als Schrittgeschwindigkeit und der Radcomputer wechselt wiederholt den Modus zwischen Aufzeichnen und Pause.
Am Honister Pass ist der untere Kilometer der mit Abstand steilere. Sobald die Baumgrenze erreicht ist, nimmt auch die Steigung deutlich ab und man kann den Rest des Anstieges in der nun erreichten kargen Wildnis fast schon genießen.
Viel Zeit zur Erholung bleibt nicht, denn die Straße stürzt sich unmittelbar von der Passhöhe steil ein einsames und rauhes Hochtal hinab. Im Kampf gegen die von Norden eindringenden Normannen im 11. Jahrhundert wurde diese kaum zugängliche Gegend zum Hauptquartier des Widerstands erkoren und trotz vieler Kämpfe ist es der normannischen Übermacht nie gelungen, diese Gegend vollständig zu beherrschen.
Hat man den wunderschönen Buttermere See passiert, kommt man beim gleichnamigen Dorf zur ersten Labestation. Etwas Zeit sollte man hier auf jeden Fall einplanen: erstens weil es wirklich eine große Auswahl an süßen und pikanten Leckereien gibt und zweitens um die britische Disziplin am Buffet ganz tief aufzusaugen und hoffentlich zu verinnerlichen. Geduldig wird eine Warteschlange gebildet und man vermißt jegliches Geraunze, wenn sich einer nach dem anderen auch noch so lange nicht entscheiden kann und eine gepflegte Plauderei mit den Damen des Ortes hält.
Eine kleine Pause tut aber ohnehin gut, denn mit dem ebenfalls nicht gerade leichten Newlands Pass und dem dann doch deutlich flacheren Whinlatter Pass warten unmittelbar im Anschluss zwei weitere Anstiege.
Damit liegen die Berge des Lake Districts erst einmal hinter uns und im zwar noch hügeligen, aber insgesamt doch deutlich sanfteren Gelände geht es südwärts. Von den zahlreichen sanften Anstiegen, von denen sich lediglich der Anstieg auf das Cold Fell deutlich im Höhenprofil abhebt, hat man wunderbare Blicke über die Irische See bis hin zur südlichsten schottischen Council Area Dumfries and Galloway sowie zur Isle of Man. Noch wesentlich idyllischer wären diese Blicke von den von unzähligen Schafen übersäten Hügel allerdings ohne das unübersehbare Atomkraftwerk Sellafield, dessentwegen vom Schwimmen in der Irischen See dringend abgeraten wird.
Bei Calder Bridge kommt man zur zweiten Labestation und dann schwenkt die Runde allmählich Richtung Osten um, wieder hinein in die Berge. Und was das heißt, ist jedem klar.
Noch ohne große Schwierigkeiten geht es entlang der elf Kilometer langen Museums-Eisenbahn, die 1875 als erste Schmalspur-Eisenbahn Englands zum Abtransport des damals noch gewonnenen Eisenerzes eröffnet wurde, das Eskdale hinein. Und am Ende dieses Tales wartet kein geringerer als der berüchtigte Hard Knott Pass. Schon von weitem kann man fast den gesamten Anstieg überblicken, und dass die überwiegende Mehrheit schiebt, trägt nicht gerade zur Beruhigung bei. Unterteilen lässt sich der Hard Knott in einen überaus steilen unteren Teil, einen flacheren mittleren Abschnitt im Bereich des links der Straße gelegenen römischen Forts und zu guter letzt dem fast unbezwingbaren Abschluss mit der gefürchteten S-Kurve, in der die Steigung auf sagenhafte 30% zunimmt.
Hat man sein Rad dieses Monster erst hochgewuchtet, wartet einerseits die Befriedigung, das Schwerste hinter sich zu haben, andererseits aber am Horizont bereits der nächste Anstieg.
Zuerst gilt es allerdings die ebenfalls bis zu 30% steile Abfahrt vom Hard Knott zu meistern, bevor es durch das wunderbare Duddon Valley dem Wrynose Pass zu geht. Zwar werden auch hier, genauso wie auf den darauf noch folgenden letzten Anstieg des Tages auf den Blea Tarn House Lake-District-typische 20% erreicht, aber angesichts der bereits gemeisterten Schwierigkeiten kann uns jetzt nichts mehr aufhalten und vom Rad zwingen. Ist das Great Langdale erst erreicht, liegen dann tatsächlich alle Schwierigkeiten hinter, und ein Ale-reicher Abend angesichts dieser außergewöhnlich schönen und bestens organisierten Veranstaltung vor uns.
Wenn sich ein Anstieg schon offiziell “The Struggle” nennt, und wenn sich dieser Anstieg dann auch noch im nicht gerade für flache Anstiege bekannten Lake District befindet, dann ist eines klar: Bergkraxler sind im Vorteil. Hat man diese Anfangshürde aber erst überwunden, kann beruhigt in den Genußmodus geschaltet werden, denn der Rest der Runde steht ganz klar unter touristischer Flagge.
Nach kurzer Einrollphase beginnt der furchteinflößende Anstieg in Ambleside am nördlichen Ende des Lake Windermere, dem größten See Englands. Furchteinflößend ist aber nicht nur The Struggle selbst, sondern ganz allgemein sollte man die Gefahren der umliegenden Bergwelt nicht unterschätzen. Bestes Indiz dafür ist, dass sich in Ambleside die am häufigsten zu Einsätzen gerufene Bergrettungsstation ganz Großbritanniens befindet.
Der Anstieg macht auch keine Kompromisse. Schnurgerade, ohne unnötige Kurven zieht die Straße auf den Kirkstone Pass, den höchsten befahrbaren Pass des Lake Districts. Nur Hartgesottene haben dabei noch einen Blick über für den bereits weit unter uns liegenden Lake Windermere und die schöne karge Landschaft, die von kilometerlangen Steinmauern durchzogen wird.
Fast ebenso steil wie die Auffahrt ist die Abfahrt auf der Nordseite des Passes, und vor allem bei Nässe und Nebel, was in Nordengland angeblich ja doch gelegentlich vorkommt, sollte man das ganze nicht allzu ungestüm angehen.
Unten angekommen wartet das Ullswater, für manchen der schönste See des Lake Districts, und weil er so schön ist, führt unsere Runde fast 20 Kilometer das Nordufer entlang. Dann reicht es aber mit der See-Idylle, schließlich warten noch weitere Attraktionen.
Zunächst geht es auf netten kleinen Straßen und wieder etwas hügeliger Richtung Norden und später Richtung Nord-Westen, bevor der nördliche Wendepunkt erreicht wird.
Spätestens hier weiß man dann auch, warum man den Lake District unbedingt im Frühling besuchen sollte. Einerseits weil das Wetter im Mai am stabilsten und trockensten ist, aber natürlich auch weil nur dann der Ginster blüht. Und so eine gelbe Blütenpracht, wie sie einem auf den nun folgenden Kilometern entlang der Abhänge der nördlichen Fells, wie die Berge hier meist heißen, begegnet, rechtfertigt es allemal, die Reiseplanung nach ihr zu richten.
Nach einer angemessenen Stärkung in Mungrisdale im Mill’s Inn mit einem Ale (um ehrlich zu sein: zwei) und einem Sandwich, geht es auf einer wunderbar kleinen und verkehrsfreien Straße in Richtung Keswick. Die bei der Fred Whitton Challenge befahrene große Schnellstraße hat übrigens auf der rechten Seite einen Fahrradweg. So stellt auch dieser etwas unschöne Abschnitt kein Problem dar und weil heute nun einmal Sightseeing am Programm steht, darf eine bald darauf erreichte weitere Attraktion natürlich nicht fehlen.
Der Chestnut Hill wäre allein aufgrund seines grandiosen 360°- Rundumblickes einen Abstecher wert. Es kann also kein Zufall sein, dass sich ausgerechnet hier einer der größten Steinkreise Großbritanniens, der Castlerigg Stone Circle, befindet. Zwischen den vermutlich zur Jungsteinzeit aufgestellten Steinriesen zu stehen, verursacht definitiv ein erhabenes Gefühl.
So beseelt machen wir uns auf die letzten 20 Kilometer des Tages. Die Rückfahrt verläuft zunächst in einem ruhigen Tal mit dem klingenden Namen “St.John’s in the vale”, führt dann am ruhigen Westufer des Thirlmere Sees entlang, bevor man dann wenig später den Ausgangsort Grasmere erreicht.
Zusammenfassend kann man sagen: nicht die schwerste Tour des Lake Districts, aber sicher eine der genussvollsten.
Alle hier vorgestellten Runden im Lake District sind außergewöhnlich schön. Doch wenn ich hier tatsächlich nur einen Tag Zeit zum Radfahren hätte, ich würde diese Runde wählen. Landschaftlich so schön, dass man den Lake District einfach lieben muss, so steil und schwer, dass man ihn im gleichen Atemzug verflucht und gegen Ende wartet in der Drunken Duck britische Pubkultur vom Feinsten.
Man kann sich streiten, ob die Kombination aus Hardknott und Wrynose Pass nun von West nach Ost oder von Ost nach West schwerer ist. Bei der Fahrt von West nach Ost aus dem Eskdale, wie bei der Fred Whitton Challenge befahren, heißt es die berüchtigte, Oberschenkel-vernichtende S-Kurve am Hardknott zu überwinden, dafür bereitet der Wrynose keine übermenschlichen Schwierigkeiten mehr. Dagegen hinkt bei der Fahrt aus dem Little Langdale, wie hier beschrieben, die maximale Schwierigkeit zwar etwas hinterher, dafür ist der Wrynose von dieser Seite definitiv einer der schwersten Anstiege im Lake District und auch der Hardknott knackt auf dieser vermeintlich leichteren Seite die 30%-Marke. Wie auch immer: leicht ist diese Kombination von keiner Seite.
Selbiges gilt natürlich auch für die landschaftlichen Vorzüge. Auch hier ist es fast unmöglich, einer Seite den Vorzug zu geben. Man würde unweigerlich der anderen Richtung unrecht tun und das hat sich wahrlich keine dieser zwei grandiosen Fahrten verdient.
Nach kurzer Einrollphase türmt er sich dann also auf vor uns, der Wrynose Pass. Lake District typisch schlängelt sich ein schmales ruppiges Asphaltband durch die karge Berglandschaft und nimmt dabei wenig Rücksicht auf die Fitness seiner Möchtegern-Bezwinger. Gemeinerweise kommt das steilste Stück dann auch noch gegen Ende des Anstiegs und so verspürt man nach nur 14 Kilometern doch schon ein gewisses Zwicken im Oberschenkel.
Entschädigt wird man mit der zwar nur kurzen, dafür umso schöneren Abfahrt durch das obere Duddon Valley. Nur allzu kurz ist das Vergnügen, denn der Hardknott wartet bereits kurz nach der Abzweigung im Weiler Cockley Beck mit einer 30%-Rampe. Dann wird er allerdings etwas flacher und leichter. Überall anders würde diese immer noch deutlich im zweistelligen Bereich liegende Durchschnittssteigung Angstschweiß hervorrufen, aber hier im Lake District wird man genügsam und gewöhnt sich allmählich an die Steigungen.
Was einem bei der Auffahrt auf den Hardknott von der anderen Seite aus dem Eskdale als Schwäche ausgelegt werden könnte, kann und sollte man sich jetzt bei der Abfahrt erlauben: eine Pause auf halber Strecke. Nur wenige Schritte neben der Straße liegen nämlich die Überreste eines römischen Forts, die unbedingt einen Abstecher wert sind. Stationiert wurden hier im zweiten Jahrhundert dalmatinische Legionäre fern der Heimat. Wie wohl sich diese hier nahe der schottischen Grenze gefühlt haben mögen, kann sich jeder selbst ausmalen.
Auch im idyllischen Eskdale, einem der wenigen Täler im Lake District ohne größeren See, ist uns nur eine kurze Verschnaufpause vergönnt, der nächste Anstieg, der Birker Fell, wartet nämlich schon. Dieser vergleichsweise flache Anstieg, wobei auch hier fast eine Durchschnittssteigung von zehn Prozent erreicht wird, bringt uns wieder zurück ins Duddon Valley, wobei das einsame Hochplateau, über das die Straße führt, durchaus zu einer Pause und einem Rundumblick einlädt.
Der Charakter der Topographie ändert sich in weiterer Folge kaum, es folgen mit dem Kiln Bank Cross, Broughton Mills und Broughton Moor weitere kurze aber teilweise recht deftige Anstiege. Aber zum Glück bleibt auch der Straßencharakter gleich. Meist schmale, einspurige, von Steinmauern gesäumte Sträßchen führen durch die verstreuten Weiler und Höfe und Autos begegnen einem nur sporadisch: ein wahres Rennradparadies in einer einzigartigen Landschaft.
Erst ab dem Coniston Water nimmt der Verkehr dann wieder etwas zu. Da kann man sich dann aber schön langsam auf die letzte Pause des Tages freuen. Das einsam an einer Kreuzung gelegene Pub “The Drunken Duck” sollte nämlich unbedingt zu einer Einkehr genutzt werden.
Der Wirt benennt alle seine vor Ort gebrauten Bieren nach einem seiner Hunde. Teilweise haben Hunde und Biere etwas eigenwillige Namen, was der Grund dafür ist, dass man hier mit bestem Gewissen ein Red Bull bestellen kann und tatsächlich ein vernünftiges Getränk bekommt.
Allzu sehr sollte man seinem Bier-Durst aber noch nicht nachgeben, warten doch noch eine kurvige Abfahrt und einige flache Kilometer, bis man den Ausgangspunkt in Grasmere wieder erreicht.
Der englische Süden geizt wahrlich nicht mit lohnenden Rennradrevieren. Zugegeben die Straßen sind schmal, das Verkehrsaufkommen hoch und der Linksverkehr gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich die Mühe macht, eine Runde abseits der Hauptstraßen zu planen, wird man mit herrlichen Sträßchen durch traumhafte Landschaften belohnt. Alleine ist man freilich auch auf diesen Nebenstraßen nicht, denn dank des derzeitigen britischen Radsportbooms, sind andere Rennradfahrer permanente Begleiter. Aber diese Art von Verkehr nimmt man schließlich gerne in Kauf.
Diese wunderbare Runde führt durch die sanften und von den großen Touristenströmen noch weitgehend verschonten Hügel der West Wiltshire Downs. Dieses wunderbare Rennradgebiet, das sich nordwestlich von Salisbury ausbreitet, garantiert englischen Rennrad-Genuß vom Feinsten. Wenn dann auch noch das Wetter mitspielt, kommt auch jeder Kontinental-Europäer auf seine Kosten. British Cyclists kennen sowieso kein schlechtes Wetter und sind auch bei widrigen Bedingungen kurz-kurz unterwegs.
Gestartet wird in Great Wishford und dann geht es erst einmal 20 Kilometer ohne nennenswerte Schwierigkeiten das Wylye Valley entlang des gleichnamigen Flusses hinauf. Der Höhengewinn hält sich in Grenzen und so passt sich dieser erste Rundenabschnitt der gemächlichen Fließgeschwindigkeit dieses typisch englischen Kreideflusses an.
Kurz vor der Stadt Warminster schwenkt die Runde Richtung Westen um und bald darauf passiert man den kleinen künstlichen Shearwater Lake, der aber immerhin über einen eigenen Segelclub verfügt, auch wenn er kaum groß genug für Ruderboote erscheint.
Dann wird das Gelände allmählich etwas kupierter, die Straßen werden rustikaler und andere Rennradfahrer begegnen einem nur noch vereinzelt.
In typisch englischer Szenerie ziehen die einspurigen, von Steinmauern begrenzten Sträßchen durch die Hügel und mittelalterlichen Dörfer und man wundert sich, dass man England als Radreise-Ziel nicht schon viel früher entdeckt hat.
Obwohl der höchste Punkt gerade einmal 260 Meter über Meeresniveau liegt, sollte man die zahlreichen, knapp aufeinander folgenden Anstiege nicht gänzlich unterschätzen. Sie sind oft unangenehm steil und schlussendlich summieren sich die Höhenmeter auch in den vierstelligen Bereich.
Nachdem Wilton erreicht ist, liegen dann aber die Schwierigkeiten hinter einem und die letzten zehn Kilometer dienen schon der Vorfreude auf eines der leckeren Ales im wunderbaren Pub The Royal Oak.
Ein grauer Tag im März, Tageshöchsttemperatur acht Grad, die Straßen nass und dreckig: beste englische Rad-Bedingungen also. Wer dem etwas abgewinnen kann, ist auf dieser Runde genau richtig. Großteils vom motorisierten Verkehr ignorierte, einspurige Straßen führen durch das beliebte Wander- und Ausflugsgebiet der Surrey Hills und dank der Nähe zu London hat sich der letzte Anstieg dieser Runde, der Box Hill, zu einem richtigen Treffpunkt der boomenden britischen Radszene entwickelt.
Da sich der Ausgangspunkt dieser Runde in unmittelbarer Nähe zum Flughafen Gatwick befindet und man sich im nahen Redhill problemlos ein Rennrad ausleihen kann (z.B. bei C&N cycles oder bei maison du velo), ist diese Runde auch bestens für Kurzaufenthalte oder An- und Abreisetag geeignet. Dass man dabei noch einen wunderbaren Einblick in das englische Landleben erhält, setzt der Runde dann noch die Krone auf.
Eine Zeit lang sitze ich noch im Auto und überlege, ob ich bei diesen für uns Schönwetter-Fahrer widrigen Bedingungen überhaupt aussteigen soll. Was ich dann erlebe, eröffnet mir dann aber eine neue Sicht auf Radbegeisterung und Wetterfestigkeit. Während man daheim im kalten Nieselregen wohl ziemlich einsam unterwegs sein würde, begegnen einem hier in England Radfahrer-Massen, die jedes Mallorca-Frühlings-Wochenende in den Schatten stellen. Dass ein Großteil dabei auch noch typisch-britisch kurz-kurz unterwegs ist, lässt mich “harten” Kerl nur noch staunen.
Die kleinen, engen Straßen führen in ständigem Auf und Ab durch die meist bewaldeten Surrey Hills und mit Postkartenmotiven von wunderschönen Dörfern, Kirchen und Cottages wird nicht gegeizt. Vor allem die Dörfer Peaslake und Shere sind fast klischeehaft schön.
Auch wenn die Anstiege kurz sind und die höchsten Punkte keine 250 Meter Seehöhe erreichen, ganz unterschätzen sollte man sie nicht. In bester Frühjahrs-Klassiker-Manier sind sie steil und giftig und reihen sich so dicht aneinander, dass die Oberschenkel doch recht ordentlich zu brennen beginnen.
Der bekannteste der Anstiege, der Box Hill, kommt zum Schluss. Und ausgerechnet der ist der mit Abstand leichteste. Deutlich flacher und deutlich besser ausgebaut windet sich die wegen ihrer zwei Kehren Zig Zag Road genannte Straße die Nordseite des Hügels hinauf. Ihn einmal zu überqueren, ist rasch geschafft, ganze neun Mal musste er allerdings im olympischen Straßenrennen 2012 von den Männern überquert werden, und da kann er dann schon ein Selektionskriterium werden.
Kurz vor dem höchsten Punkt liegt das nette Boxhill-Cafe, wo man bestimmt den ein oder anderen Radfahrer trifft, bevor es dann nur noch bergab zurück zum Ausgangspunkt geht.