Cyclist DEV

Was wäre die Tour de France ohne ihre Pyrenäen-Pässe? Und was wäre eine Rennradreise des Cyclisten ohne zünftige Bergetappe? Gleich fünf Cols stehen auf dem Menüplan dieser Runde. Und auch wenn die ersten vier klar unter 1000 Meter Seehöhe bleiben und es nur der letzte, der Col de Marie Blanque, zu überregionaler Bekanntheit geschafft hat, kann man diese Runde getrost als Bergetappe bezeichnen, die sich aber auch in puncto landschaftlicher Schönheit und Genusspotential nicht zu verstecken braucht.

 

Von Oloron – Sainte Marie, der Hauptstadt der historischen Provinz Béarn, geht es zunächst ohne nennenswerte Schwierigkeiten westwärts. Allmählich taucht man weiter ein in das den Pyrenäen vorgelagerte Hügelland und nach gut 20 Kilometern wartet dann der erste Anstieg. Noch nicht allzu beeindruckende 250 Höhenmeter führen hinauf zum Col de Sustary, die kleine wunderschöne Straße und die schönen Blicke auf die verschneiten Pyrenäengipfel geben aber bereits einen Vorgeschmack darauf, was einen noch erwartet.

Nach einem kurzen Flachstück führt eine kleine Extraschleife auf den ebenfalls reizvollen aber unschwierigen Col de la Serre. Zum Glück hat man bis jetzt noch nicht allzu viel an Kraft verbraucht, um nicht noch im bald erreichten Montory die massive, fast an eine Burg erinnernde Kirche Notre Dame de l’Assomption bestaunen zu können.

Bald darauf kommt man nach Arette am Fuß unseres dritten Passes und hier zeigt sich, welch große Rennradkultur und -leidenschaft in Frankreich herrscht. Sogar auf den beiden nun folgenden Pässen, die zwar beide sehr schön aber doch weitgehend unbedeutend und unbekannt sind, helfen großzügig ausgeschilderte Entfernungs- und Steigungsangaben über die Anstiege. Vor lauter Mitlesen und Mitrechnen muss man da schon aufpassen, der schönen uns umgebenden Berglandschaft genug Aufmerksamkeit zu schenken. Der zweite der beiden, unmittelbar aufeinander folgenden Pässe, der Col d’Ichère, hat es 2005 aber immerhin schon zu Tour de France-Ehren gebracht.

Damit ist es dann aber vorbei mit dem Aufwärmprogramm und es wartet doch noch ein Anstieg, der das Prädikat Pyrenäen-Pass wahrlich verdient. Vor allem die zweite Hälfte der Westrampe auf den Col de Marie Blanque hat es in sich. Mit einer Durchschnittssteigung von über zehn Prozent fordern diese vier Kilometer doch einiges an Oberschenkel-Power. Auch die Tour de France-Organisatoren wissen den Col de Marie Blanque zu schätzen. Immerhin 13 Mal wurde er bislang ins Programm aufgenommen, zuletzt allerdings auch schon wieder vor acht Jahren, als er von Juan Antonio Flecha als erster überquert wurde.

Während die Westrampe des Col de Marie Blanque hart aber nur mäßig reizvoll ist, da sie zumeist steil und schnurgerade im Wald verläuft, ist die Ostanfahrt das genaue Gegenteil: deutlich leichter und landschaftlich eindeutig schöner bringt sie uns hinunter ins Vallée d’Ossau. Vor allem das Flachstück am Plateau Benou führt durch eine idyllische Almlandschaft mit freiem Blick auf die zum Greifen nahen Pyrenäen-Gipfel.

Doch damit ist es noch lange nicht vorbei mit den Highlights der Runde. Nach dieser phänomenalen Abfahrt wartet nämlich noch die Rückfahrt nach Oloron – Sainte Marie. Und diese führt ab Arudy auf einer leicht fallenden, einsamen Straße den Gave d’Ossau entlang, was zum Abschluss noch einmal Rennrad-Spaß vom Feinsten garantiert. Ein Abschluss, der dieser phantastischen Runde die Krone aufsetzt und sich das Belohnungs-Bier in Oloron – Sainte Marie wahrlich verdient hat.

 

Es müssen nicht immer sportliche Herausforderungen sein, die einen aufs Rennrad treiben. Auch der Wunsch nach einem entspannten Tag, nach frischer Luft, nach einem guten Kaffee und die Neugier auf neue Land- und Ortschaften sind ebenso gute Gründe. All dies und dazu noch eine besondere Skurrilität hat diese schöne Runde zu bieten.

 

Gestartet wird in Orthez und bald, nachdem man den Verkehr der emsigen Kleinstadt hinter sich gelassen hat, taucht man ein in die sanfte Hügellandschaft des Béarn, einer der historischen Provinzen Frankreichs. Hier scheint die Uhr tatsächlich etwas langsamer zu schlagen und unwillkürlich passt sich unser Tempo der Umgebung an.

Auf verkehrsfreien Straßen geht es durch verträumte Dörfer in südöstlicher Richtung nach Navarrenx, der ersten von drei Attraktionen dieser Runde.

Die kleine, einst wehrhafteste Stadt des Béarn wird seit dem 16. Jahrhundert komplett von einer massiven Stadtmauer umgeben und die dahinter eingebetteten Gassen und Plätze laden zum Verweilen und Flanieren ein. Wer glaubt, dass hier hauptsächlich über Rotwein, Café au lait und das allerorts gespielte Pétanque diskutiert wird, der irrt allerdings. Man glaubt es kaum, doch der unter der Stadt vorbei fließende Gave d’Oloron ist einer der beliebtesten Lachsflüsse Europas und eben in Navarrenx finden alljährlich die Angel-Weltmeisterschaften nach atlantischem Wildlachs statt. Kein Wunder also, dass auch ein Kreisverkehr vor der Stadt von einem überdimensionalen Lachsfischer aus Edelstahl verschönert wird.

Nach erfolgter Einkehr folgt man dem Gave d’Oloron weiter flussabwärts. Auf den nächsten 20 Kilometern warten auch keine Hindernisse oder Schwierigkeiten. Zumindest derzeit noch, denn das kleine 130-Einwohner Dorf Laàs hat Großes vor. Das wie viele Dörfer der Umgebung nicht gerade von Reichtum und wirtschaftlichen Erfolg gesegnete Dorf hat sich ausgerechnet Monaco zum Vorbild erkoren und will demnächst ein eigenes Fürstentum ausrufen. Dass sie es durchaus ernst meinen, beweisen die Bewohner von Laàs allein dadurch, dass Grenzschranken und Zollhäuschen bereits aufgestellt sind. Doch es gibt auch Skeptiker: In einer lokalen Zeitung hat sich kürzlich eine ältere Bäuerin beschwert, dass sie schon überall spöttisch als Prinzessin von Laàs angesprochen wird.

Noch funktioniert die Durchreise durch das Möchtegern-Fürstentum problemlos und es drängt sich der Verdacht auf, dass das auch noch einige Zeit so bleiben wird.

Einige Kilometer weiter flussabwärts liegt Sauveterre de Béarn. Die Stadt liegt an einer der wichtigsten mittelalterlichen Straßenverbindungen nach Spanien und der hervorragend und eindrucksvolle mittelalterliche Ortskern lässt ihre einstige Bedeutung erahnen. Teils rollend, teils die Räder tragend erkunden wir die Befestigungen des hübschen Städtchens, bevor wir uns in jetzt wieder hügeligerem Terrain auf die Rückfahrt nach Orthez begeben.

Ehrlich gesagt, sollte man den Titel dieser Tour nicht allzu ernst nehmen. Denn das “für Anfänger” bezieht sich eher auf die geographische Lage und leichte Erreichbarkeit der Runde am nördlichen Rand des Baskenlandes, als auf deren Charakteristik und Topographie. Auch wenn lange Anstiege fehlen, geht es doch in ständigem, kräftezehrenden Auf und Ab durch die Hügel der historischen Provinz Nieder-Navarra. Doch hat man bereits einige Trainings-Kilometer in den Beinen, bietet diese Runde Rennrad-Genuß vom Feinsten mit schönen Einblicken in Landschaft, Kultur und Architektur des Baskenlandes.

 

Briscous, der Ausgangsort dieser Runde, befindet sich unmittelbar an der Autobahn A64, die in Ost-West-Richtung von Toulouse nach Bayonne verläuft. Und südlich dieser Autobahn bis zu den imposanten Gipfeln der Pyrenäen breitet sich ein wahres Rennrad-Paradies aus. Zahlreiche Kleinstraßen verlaufen durch die dünn besiedelten Hügel und es fällt einem nicht schwer, sich hier im französischen Baskenland wohlzufühlen und auf seine sportlichen Kosten zu kommen.

La Bastide-Clairence ist der erste Ort, den man erreicht. Der nette Ort hat es dank seiner typisch baskischen Fachwerkhäuser auf die Liste der schönsten Dörfer Frankreichs, einer begehrten kulturtouristischen Auszeichnung, geschafft. Für eine Espresso-Pause ist es allerdings noch zu früh, für ein ausführliches Sightseeing nehmen wir uns nicht die Zeit und so geht es ohne Unterbrechung weiter Richtung Süden. Kreuz und quer und auf und ab ziehen die kleinen Sträßchen durch versprengte Weiler und Höfe, vorbei an Schafherden, Kühen, Pferden und Eseln und unzähligen über uns kreisenden Greifvögel, darunter eine nicht unerhebliche Anzahl an Gänsegeiern, die imposante Schatten auf die Felder werfen. Verschnaufpausen gibt es wenig, zu Schauen gibt es viel. Und so gestaltet sich die Fahrt bis zum südlichen Wendepunkt kurz nach dem netten Ort Ossès recht kurzweilig.

Hier wartet dann die Hauptsteigung des Tages. Eine kleine einsame Straße führt hinüber in das Tal der Nive, und auch wenn nur knapp über 200 Höhenmeter zu überwinden sind und nicht einmal 350 Meter Seehöhe erreicht werden, so bekommt man doch einen recht guten Einblick, was es heißt, in den Pyrenäen bergauf zu fahren: steil, heiß, eng, einsam und landschaftlich grandios: das lassen wir uns gefallen.

Bei Bidarray erreicht man das Tal der Nive. Man kommt an der mittelalterlichen Brücke Noblia vorbei, die seit jeher ein frequentierter Übergang vieler Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela ist. Flussabwärts geht es weiter in Richtung Itxassou, wobei sich das Tal zunehmend verengt und man sich auf einer idyllischen Straße den Fluss entlang schlängelt.

Ab Itxassou wird das Gelände dann wieder weiter, 30 Kilometer fehlen aber noch bis zum Ausgangspunkt. Und diese 30 Kilometer sind doch, wie könnte es auch anders sein, gespickt von zahlreichen, zum Glück nur kurzen Anstiegen.

Auch wenn der Blick zumeist nach vorne Richtung Ziel gerichtet ist, so zahlt sich doch vor allem auf den letzten Hügeln der ein oder andere Blick zurück auf den Verlauf der Runde und die dahinter aufragenden Berge aus. Blicke, die die Motivation noch einmal merklich steigern und einen schnurstracks zurück zum Auto tragen.

Die Pyrenäen bieten dem Cyclisten vor allem eines: mythische Anstiege im Hochgebirge mit einer langen Rennrad-Tradition. Doch auch im Frühling und Herbst, wenn die hohen Pässe keine Saison haben, sind die Pyrenäen einen Besuch wert. Denn im Schatten der Giganten finden sich eine Vielzahl an Straßen und Pässen, die zwar deutlich weniger von ihrer Radsportvergangenheit und ihren Heldengeschichten erzählen können, ihren großen Brüdern an Schwierigkeit, Rauheit und Schönheit aber kaum nachstehen. Ein Parade-Beispiel hierfür ist der großartige Col de Landerre, der im Mittelpunkt dieser anspruchsvollen Runde steht.

 

Gestartet wird im netten kleinen Ort Mauléon-Licharre, das im Westen des französischen Baskenlandes liegt. Neben der Landwirtschaft hat sich der Ort ein zweites wirtschaftliches Standbein erarbeitet und sich zum Zentrum der französischen Espadrilles-Produktion gemausert – allerhand.

Die ersten Kilometer bis Espès haben noch nicht viel zu bieten, dann allerdings geht es auf die von uns so gesuchten kleinen Straßen und eine erste Steigung bringt uns über den kleinen Weiler Ainharp nach Lohitzun-Oyhercq. Weitgehend flach geht es nach Pagolle, wo mit dem Col d’Osquich schon die zweite Steigung wartet.

Allzu lange ist auch diese nicht, hier fällt uns aber das erste Mal auf, dass die über uns kreisenden Greifvögel zum Teil ungewöhnlich groß sind. Und tatsächlich sehen wir im Verlauf der nächsten Tage ebenso viele Gänsegeier über uns kreisen wie die üblichen kleineren Raubvögel. Ein wirklich imposanter Anblick.

Nach einer dritten Steigung, dem Col de Gamia, wird der nette Ort Saint Jean le Vieux erreicht, wo wir uns bei Kaffee und Kuchen auf den nun folgenden Höhepunkt der Runde einstimmen.

Einige flache Kilometer sind uns noch vergönnt, bevor ab Béhorléguy die Steigung dann gnadenlos und ohne wirkliche Verschnaufpause zunimmt. Sind es die zehn Prozent Durchschnittssteigung auf den nächsten sechs Kilometern, der nur mäßig rollende Asphalt, der böige, teilweise orkanartige Gegenwind, der einen der unseren sogar zwei Mal unsanft vom Rad wirft, oder die majestätischen Ausblicke auf die verschneiten Pyrenäengipfel – auf jeden Fall fühlt sich das Erreichen der Passhöhe wie ein Gipfelsieg am Col du Tourmalet an und die Strapazen weichen einem wunderbaren Glücksgefühl.

In völliger Einsamkeit schießen wir noch einige Fotos, bevor wir uns die nicht minder schöne Ostseite des Passes hinunterstürzen. Im kleinen, netten Dorf Aussurucq ist das Ende der Abfahrt erreicht. Es geht vorbei an der Kirche mit dem für das französische Baskenland typischen dreigiebeligen Glockenturm und einer auf den ersten Blick etwas eigenartig anmutenden Mauer. An diesen, im gesamten Baskenland sehr häufig anzutreffenden Mauern wird Pelota gespielt, ein Rückschlagspiel baskischen Ursprungs.

Ein paar wenige Höhenmeter gilt es noch zu überwinden, bevor die noch verbleibenden zehn Kilometer dann nur mehr dem Ausradeln dienen und man am Hauptplatz von Mauléon-Licharre seinen Durst löschen und das absolvierte Abenteuer Revue passieren lassen kann.

 

Wenige Kilometer nördlich von Bordeaux fließen die beiden Flüsse Garonne und Dordogne zusammen und bilden den größten Mündungstrichter Europas, die Gironde. Mit bis zu 15 Kilometern Breite ist diese große Wasseroberfläche für ein ganz spezielles Mikroklima verantwortlich, das gemeinsam mit den durchlässigen Sedimentböden ihres Ostufers ganz außergewöhnlich gut für den Weinbau geeignet ist. Mit einigen der weltweit bekanntesten Weingütern wie etwa dem Chateau Lafite-Rothschild und dem Chateau Latour ist das Médoc zwar vor allem bei Önologen und Weinliebhabern beliebt, aber ganz unbeachtet braucht es von uns Cyclisten auch nicht bleiben.

Wesentliche Schwierigkeiten hat die Runde nicht aufzuweisen, es sei denn, man fängt mit der Verkostung der aktuellen Jahrgänge bereits während der Runde an. Am Ufer der Gironde geht es flach nordwärts und die von Weinbergen großflächig umgebenen Chateaus reihen sich perlschnurartig aneinander.

Speziell die Orte Saint Julien Beychevelle, Pauillac und Saint Estèphe gehören zu den bekanntesten Weinorten Frankreichs und liegen alle an der von uns befahrenen Route du vin du Médoc. In Pauillac wird übrigens jeden September “Le marathon le plus long du monde” ausgetragen. Zu diesem Attribut kommt er aber nicht aufgrund seiner offiziellen Länge, diese entspricht mit 42,195 Kilometern exakt den internationalen Bestimmungen, sondern da bei den Verpflegungen in den Chateaus auch hauseigener Wein ausgeschenkt wird und so mancher Sportler zunehmend unfreiwillig die Strecke zick-zack verlängert.

Bei Saint Cristoly ist der nördliche Wendepunkt erreicht, wobei man die Runde natürlich auch beliebig bis zur Mündung der Gironde in den Atlantik verlängern kann.

Zurück geht es durch das Hinterland des Médoc. Wenn man die Hauptstraßen meidet, trifft man während der gesamten Runde kaum auf Verkehr und speziell die Abschnitte gegen Ende der Runde verlaufen im bei uns willkommenen Niemandsland.

Schlussendlich erreicht man wieder Castelnau und spätestens jetzt hat man sich definitiv sein Glas Merlot oder Cabernet-Sauvignon verdient.