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Vor allem im Frühling und Herbst kann bei Westwetterlage ein unangenehmer oftmals stürmischer Wind eine Ausfahrt and der Westküste erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Für diesen Fall hilft es, von unserer Basecamp in Gonnesa im Südwesten Sardiniens eine Autostunde pro Richtung in Kauf zu nehmen und dem deutlich besseren Wetter an der Ostküste hinterher zu fahren. Wird man dann auch noch mit dem Passo Settefratelli belohnt, einem absoluten Rennrad-Highlight auf Sardinien, weiß man, dass auch der Großraum Cagliari, dem Rennradfahrer viel zu bieten hat.

Als Ausgangspunkt bietet sich das etwas östlich von Cagliari gelegene Terra mala an, weil man dann die einzigen wenig reizvollen zehn Kilometer der Runde gleich zu Beginn hinter sich bringt. 

Da es eben nur zehn Kilometer sind, wählen wir den schnellsten Weg, um auf die SS125, die über den Passo Settefratelli führt, zu gelangen. Für kreative Köpfe gibt es sicher schönere Möglichkeiten, die östlichen Ausläufer Cagliaris zu durchqueren, aber nach diesen wenigen Kilometern ist es ohnehin vorbei mit den Grauslichkeiten und der Rest der Runde ist atemberaubend schön. 

Häuser und Autos werden zunehmend weniger und die Freude am Radfahren steigt mit jeder Kurbel-Umdrehung. Es geht hinauf auf den 430 Meter hoch gelegenen Passo Settefratelli. Er ist nicht besonders schwer dafür aber umso schöner. Vor allem die kurvenreiche Abfahrt vom Pass durch eine teilweise tief eingeschnittene Schlucht ist Rennrad-Genuß pur und erinnert an die schönsten Straßen Korsikas. 

In San Priamo verlassen wir die SS125 wieder und zweigen Richtung Süden zur Costa Rei ab. Auf den bekannten, kilometerlangen Sandstrand der Costa Rei kann man von der Straße aus jedoch kaum einen Blick erhaschen, lediglich auf die im Bau befindlichen oder schon wieder der Verwitterung preisgegebenen Ferienhausanlagen. 

So richtig schön wird es also erst ab Cala Sinzias am südlichen Ende der Costa Rei. In ständigem Auf und Ab geht es entlang der Küste im äußersten Südosten Sardiniens bis Villasimius und dann weiter in gleichem Charakter auf der SP17 zurück zum Ausgangspunkt. 

Vor allem dieser letzte Abschnitt entlang der Südküste kann wieder recht windig sein. So auch in unserem Fall: teilweise sind die im Windschatten liegenden Anstiege fast angenehmer als die kurzen, windexponierten Flachpassagen. Und sogar die Abfahrten erfordern ständiges Arbeiten im Gegenwind. Entsprechend erschöpft erreichen wir den Ausgangspunkt und freuen uns auf ein kühles Bier und eine heiße Pizza.

 

Ein absolutes landschaftliches Highlight Sardiniens ist zweifellos die Costa del Sud. Die atemberaubende Straße, die an dieser Traumküste entlang zieht, steht im Mittelpunkt dieser Runde. Viel schöner geht es nicht.

Um die Runde etwas zu verlängern und knapp an die 100 Kilometer auszudehnen, kann man bereits in Giba, einem kleinen Straßendorf 13 Kilometer südöstlich von Carbonia, starten. Wer eine kürzere Runde fahren will, startet einfach in Teulada, die landschaftlichen Highlights der Runde gehen dabei nicht verloren. 

Entlang der Via Roma, anschließend auf der SS195 geht es flach und flott Richtung Süden. Nach einem großen militärischen Sperrgebiet, das immer rechterhand liegt, biegt man kurz vor Teulada rechts auf die SP71 ab und kommt bald an die Küste. 

Die nächsten 25 Kilometer lassen jedes Rennradlerherz höher schlagen: kurvenreich und verkehrsfrei schlängelt sich die Straße die Steilküste entlang. Ein ständiges Auf und Ab mit herrlichen kleinen Badebuchten, kaum Tourismuseinrichtungen und unzähligen Fotomotiven. Hier ist es sicher auch im Sommer zur Badezeit herrlich.

Kurz vor Ende dieser phänomenalen Küstenstraße gibt es den verdienten Espresso, der östliche Wendepunkt ist bald darauf erreicht und es geht hinein ins Landesinnere. Bald kommt man in den hübsch benannten Ort Domus de Maria, wo ein einsamer und wunderschöner 300 Meter hoher Pass beginnt, der uns wieder hinüber nach Teulada beginnt.

Nach Teulada folgt auf der längeren Variante ein weiterer Anstieg hinüber nach Santadi. Hier ist es dann soweit, Marios vorderer Umwerfer seiner Di2 gibt den Geist auf: Schalten nur mehr hinten möglich. Zum Glück ist er vorne auf der kleinen Scheibe. Der Anstieg ist zwar nicht besonders schwer und nicht besonders lang, aber so stark, dass er ihn auf der großen Scheibe drücken könnte, ist er am 4. Tag der Sardinienwoche definitiv nicht mehr. 

In Santadi kommen kurz heimatliche Gefühle auf. Wir überwinden diese aber, lassen das “Bahnhof Café” rechts liegen und fahren auf direktem Weg über die Via Cagliari und die SS293 zurück zum Ausgangspunkt. “Bahnhof Café” gibt es zu Hause schließlich oft genug.

 

Da uns am Vortag der Wind an der Küste verblasen hat, wird die heutige Königsetappe einfach ins Landesinnere verlegt. Was für ein Glücksgriff und was für eine Etappe: herausfordernd, ohne brutal zu sein; verkehrsfrei, ohne dass die Straßenqualität darunter leidet und landschaftlich sowieso vom Feinsten wie jede Tour auf Sardinien. Und dann wird das Ganze noch mit einer Extraportion Adrenalin gewürzt: die Angst vor den Hütehunden, die die zahlreichen Schafherden bewachen, verleiht von Zeit zu Zeit nicht für möglich gehaltene Kräfte, ein ungeplantes Intervalltraining.

Los geht es in Senorbi, einer kleinen Stadt im Landesinneren 40 Kilometer nördlich von Cagliari. Es geht über Sisini hinauf nach Siurgus Donigala. Wunderschön umrundet man auf der SP65 und dann auf der SP10 den Lago di Mulargia. Immer darauf gefasst, bei heranstürmenden, wild bellenden Hunden ein paar kraftvolle Fluchttritte in die Pedale zu knallen. 

In Sardinien gilt nämlich freies Weiderecht. Das heißt, dass die unzähligen Schafherden nicht eingezäunt sind, sondern frei von Weide zu Weide ziehen. Meist sind sie nur von etlichen Hunden begleitet, die nichts lieber tun, als potentielle Schafräuber zu vertreiben. Uns haben sie jedenfalls des öfteren erfolgreich vertrieben und der Puls ist nicht nur durch die Anstrengung sondern auch angstbedingt regelmäßig nach oben geschnellt. Ob die Angst restlos unbegründet war und uns die Hunde ohnehin nichts getan hätten, wissen wir nicht. Wir haben allzu engen Kontakt vermieden, sind die Flucht angetreten und passiert ist uns letztendlich nichts.

Einige Kilometer nach Orolli, dem nördlichsten Punkt unserer Runde, fährt man an der Nuraghe Arrubiu, dem größten nuraghischen Komplex Sardiniens aus dem 15. Jahrhundert v. Chr., vorbei. Für historisch und archäologisch Interessierte ein zusätzlicher Pluspunkt der Runde.

In dem hoch über dem Flumendosatal gelegenen Städtchen Escalaplano gibt es die verdiente Espressopause, dann gehts bei kräftigem Rückenwind mit rasanter Geschwindigkeit das Flumendosatal hinaus. Unterbrochen nur von einer Reifenpanne zugezogen durch 20cm lange, in Fahrtrichtung ausgerichtete Brücken-Dehnungsfugen, in denen auch ein Schwalbe Fat Albert seine Probleme bekommen hätte. Das hätte auch blöder als nur mit einer Reifenpanne ausgehen können.

Nach einiger Zeit im Flumendosatal und drei kurzen, problemlos zu befahrenden Tunnels zweigt rechts die SP27 ab. Eine ideale Rennradstraße schlängelt sich die 500 Höhenmeter nach Villasalto hinauf, einfach nur wunderschön! 

Oben bläst uns nach dem angenehm warmen im Windschatten gelegenen Anstieg überraschend ein kräftiger Wind entgegen und es wird empfindlich kühler. Es sind aber noch 35 km bis zum Auto und so beissen wir die Zähne zusammen und kämpfen gegen den Wind an. Ständig bergauf und -ab geht es über San Nicolo Gerrei nach Silius. Auf dem Hochplateau bei Silius sind wir weiterhin gnadenlos dem Gegenwind ausgeliefert und es geht nur mühsam vor- und westwärts. Dann endlich geht es definitiv bergab und über San Basilio kommen wir zurück zum Ausgangspunkt.

Auch wenn es dem Süden Sardiniens nicht an landschaftlichen Superlativen mangelt, der Küstenabschnitt vom Golf von Gonnesa bis zum Golf von Buggerru reiht sich ganz weit vorne auf dieser Hitliste ein. Und wenn die Rückfahrt über den kaum weniger schönen Passo Genna Bogai die Runde vervollständigt, dann sind das die Zutaten, die man für eine Traumrunde braucht. 

Immer entlang der kaum befahrenen SP83 geht es von Gonnesa über Nebida Richtung Norden. Herrliche Blicke auf die Steilküste des Golfo di Gonnesa und den Pan di zucchero, einen majestätischen, der Küste vorgelagerten Felsen, lassen keine Anstrengung aufkommen, zu oft bleibt man zum Fotografieren stehen. Nach Masua ist es dann vorbei mit dem Genießen und es geht für die nächsten zwei Kilometer mit bis zu 15% bergauf. Nach einem kleinen Pass mit immerhin etwas über 400 Metern Seehöhe zieht die Straße noch einiger Zeit hügelig durchs Landesinnere, bevor man bei Buggerru, einem alten Bergbaustädtchen, wieder die Küste erreicht. Es folgt ein zwei Kilometer langer Sandstrand, der sicher auch im Sommer einen Abstecher wert wäre und wegen seiner Abgeschiedenheit wahrscheinlich auch in der Hauptsaison nicht wirklich bevölkert ist. Ein Abstecher bis ans Ende der Strasse zum Capo Pecora zahlt sich auf jeden Fall aus, Fotomotive sind garantiert.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, um ins Landesinnere vorzustoßen. Entweder folgt man gemütlich der SP83, oder man mutet sich und dem Material etwas mehr zu und folgt unserem Beispiel.  Am südlichen Ende des Sandstrandes bei San Nicolao zweigt eine kleine Straße ins Landesinnere ab. Diesen Sträßchen überquert einen reizvollen Pass, um dann auch wieder auf die SP83 zu stoßen. Das einzige was dagegen spricht und auch uns überrascht hat: es handelt sich um eine Schotterstraße, auf der man sich immerhin acht Kilometer “vergnügt” und die Abfahrt, die ebenfalls bis hinunter zur SP83 unbefestigt ist, dauert mindestens genauso lang wie die Auffahrt. Auf der von uns verwendeten Straßenkarte – ja so haben wir damals noch navigiert – war definitiv nicht erkennbar, dass es sich um eine untergeordnetes Schottersträßchen handelt. Das Gravelrad war zum Zeitpunkt unserer Befahrung auch noch nicht bis in unser Bewußtsein vorgedrungen und 25er Reifen galten fast noch als Tabubruch. Wir haben es trotzdem pannenfrei hinter uns gebracht und unser Pioniergeist ist damit auch auf seine Kosten gekommen.

Man folgt nun wieder der SP83 bis zur Einmündung in die SS126, der man Richtung Süden nach Fluminimaggiore folgt. Hier gibts zur Stärkung einen Espresso, bevor es auf knapp 15 Kilometern immerhin 500 Höhenmeter zu überwinden gilt. Zunächst moderat, gegen Ende aber doch recht knackig schlängelt sich die Straße praktisch Verkehrslos auf den Passo Genna Bogai, den höchsten Punkt der heutigen Runde. 

In rasanter Fahrt geht es auf der anderen Seite hinunter nach Iglesias, der Provinzhauptstadt der Region Carbonia-Iglesias. Dank seines historischen Zentrums mit unzähligen verwinkelten Gassen sollte man nicht zögern und einen kleinen Abstecher auf ein Gelato in das nette Städtchen machen. Wer nicht nach Iglesias hinein will, kann bereits kurz vor Beginn der Stadt rechts abzweigen und auf der SP84 die Stadt umfahren, allerdings gehts an einer größeren Mülldeponie vorbei. Die letzten Kilometer führen dann auf der SS126 zurück nach Gonnesa.

Wenn man schon auf Sardinien, der zweitgößten Italienischen Insel, mit dem Rennrad unterwegs ist und die viert- und sechstgrößten Inseln zum Greifen nahe sind, kann man fast nicht anders, als diese kombinierte Schiffs-Rad-Runde in Angriff zu nehmen. Und das nicht nur, um zwei Orte, an denen man mit dem Rad gewesen sein muss, von der Liste streichen zu können, sondern weil es einfach eine schöne Rund ist. Vor allem die Durchquerung der kleineren Insel San Pietro ist ein radfahrerisches Highlight, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Wir folgen der Empfehlung unserer Wirtin Marcella und nehmen die dem Südwesten Sardiniens vorgelagerten Inseln näher unter die Lupe. Von Gonnesa, unserem Ausgangspunkt, geht es über die SP108 nach Portoscuso. Östlich und südlich von Portoscuso fährt man durch ein zwar nicht schönes aber auch nicht uninteressantes Industriegebiet mit Ölkraftwerken und Lastenhäfen. Von diesen Häfen aus ließ Mussolini die Rohstoffe, die im Gebiet der von ihm gegründeten, nicht weit entfernten Stadt Carbonia gewonnen wurden, aufs italienische Festland verschiffen. Carbonia, welch phantasievoller Name für eine hauptsächlich Kohle fördernde Bergbaustadt. 

Etwa 20 Kilometer nach Portoscuso gelangt man auf einer Brücke auf die Insel Sant’Antioco. In der vorgelagerten Lagune kann man mit etwas Glück Flamingos bei der Nahrungssuche beobachten. 

Sobald man Sant’ Antioco erreicht, befindet man sich auch schon im gleichnamigen Hauptort der Insel. Ohne größere Pause geht es für uns aber gleich weiter nach Calasetta. 

Calasetta sollte man sich unbedingt ansehen. Es hat einen ganz eigenen Charakter mit seinen weißen flachen Häusern, seinen schnurgeraden, verkehrslosen Strassen und seiner dem Reißbrett entstammenden Geometrie. Da wir noch etwas Zeit haben gönnen wir uns einen Espresso in einem der netten Cafés, drehen noch eine Runde durch die Umgebung und besteigen dann die Fähre auf die Insel San Pietro. Die Fähren zwischen den Inseln und dem Festland verkehren regelmäßig und Tickets bekommt man problemlos am jeweiligen Hafen. Sant’Antioco ist übrigens die viertgrößte italienische Insel nach Sizilien, Sardinien und Elba. San Pietro ist immerhin die sechstgrößte. 

Auf San Pietro haben wir ungefähr 1 1/2 Stunden Zeit, um die Insel einmal zu durchqueren. Auf einer sehr schönen, gut ausgebauten aber völlig verkehrslosen Straße fährt man durch ein einsames Hochplateau bis zum westlichsten Punkt der Insel mit einem Leuchtturm. Hinterm Horizont genau westlich liegt Mallorca. Da würde man diesen Blick jedenfalls nicht so still und einsam genießen und Trainingsgruppe um Trainingsgruppe würde sich zum Gruppenfoto aufstellen. Wir sehen auch auf der Rückfahrt weder Auto- noch Radfahrer, nehmen die Fähre zurück aufs Festland, drehen eine Runde durch Portoscuso und fahren auf der SP82 zurück nach Gonnesa.