Ich mag logische Runden, bei denen die Eckdaten vorgegeben sind und die Routenplanung sich auf die Suche nach der bestmöglichen Streckenführung beschränkt. Genau so eine ist diese großartige Umrundung des Bacherngebirges südwestlich von Maribor. Da gibt es nicht viel zu diskutieren, die Runde hat satte 160 Kilometer, von denen sich aber jeder einzelne lohnt und auf der Verkehr kaum eine Rolle spielt.
Der Pohorje ist vor allem Fans des alpinen Schisports ein Begriff, sind doch die Rennen um den Goldenen Fuchs eine Institution im Damen-Weltcupkalender. Kaum zu glauben, dass Maribor nach Cortina d’Ampezzo Val d’Isère in der Geschichte des Ski-Weltcups die meisten Damen-Wettbewerbe ausgetragen hat, noch vor jeder österreichischen oder schweizer Schihochburg. Auch Wanderer und vor allem Mountainbiker werden in den letzten Jahren zunehmend angezogen, nur der gepflegte Rennradsport fristet in der Region noch ein Schattendasein, zu Unrecht wie wir meinen.
Gestartet wird in Maribor am Drauufer, wie schon bei der Runde Rund um das Draufeld. Naturgemäß muss man im Stadtgebiet noch mit Verkehr rechnen, bald aber ist das Draufeld, eine große fruchtbare Ebene südöstlich von Maribor, erreicht und bald schon wird das entspannt plaudernde Nebeneinander-Fahren zur Regel.
Nach etwa 30 Kilometern erreicht man den südlichen Rand des Draufeldes und das Gelände wird hügeliger. Noch bevor sich uns aber größere Hindernisse wie der von weitem sichtbare Berg Boč in den Weg stellen, schwenkt die Runde nach Westen und man erreicht Slovenske Konjice. Nach dieser ehemaligen deutschsprachigen Hochburg, wo bis Ende des Ersten Weltkrieges noch knapp 90% der Bevölkerung Deutsch als ihre Muttersprache angaben, geht es dann aber endgültig hinein in die hier aufeinander treffenden Auslöser des Bacherngebirges und der Karawanken.
Schweißperlen brauchen einem die nun folgenden drei Anstiege keine auf die Stirn zu treiben. Sie sind weder lang noch steil und bevorzugen ganz eindeutig Roller- als Klettereigenschaften. Vor allem der letzte und kürzeste der drei Anstiege, der hinauf nach Mislinja führt, ist kaum zu bemerken. Der hier auf einer stillgelegten Bahntrasse führende Radweg, der auch durch einige beleuchtete Tunnels führt, weiß nämlich zu begeistern und zu unserer Freude führt dieser Radweg auch während der folgenden 20 Kilometer durch das schöne Missling-Tal, das bis hinunter zur Drau nach Dravograd führt.
Von hier wären es an und für sich auf der Hauptstraße nur noch relativ flache 60 Kilometer bis Maribor. Da die Hauptstraße aber doch reichlich und vor allem auch schnellen und rücksichtslosen Verkehr aufweist, entscheiden wir uns für das auf der anderen Drauseite verlaufende Sträßchen. Dieses ist deutlich ruhiger und schöner, aber auch deutlich anspruchsvoller mit zahlreichen teilweise giftigen Anstiegen und auch einigen unbefestigten Abschnitten. Nach einem letzten dieser Anstiege, der eine Drauschleife abkürzt, liegen die Schwierigkeiten dann aber hinter uns und bald darauf ist dann auch der Ausgangspunkt im Zentrum Maribors wieder erreicht.
Kein Nachteil ohne Vorteil: Zugegeben, die Beschreibung dieser Runde wird etwas dürftig ausfallen: keine spektakulären Straßenabschnitte, keine nennenswerten Sehenswürdigkeiten, keine Kuriositäten. Selbst unmittelbar nach Beendigung hat man Schwierigkeiten, die Runde zu rekapitulieren und sich an Einzelheiten zu erinnern. Klingt langweilig, aber ist das nicht andererseits genau das, was wir suchen: 80 Kilometer einfach nur Rad fahren, ohne Ablenkung, ohne Verkehr, ohne Hektik. Diese Art von Monotonie nehmen wir gerne in Kauf, und genau von dieser Monotonie lebt diese Runde.
Bereits der Ausgangspunkt am östlichen Drauufer in Zgornij Duplek verheißt gutes. Den Stadtverkehr von Maribor haben wir jenseits der Drau zurückgelassen und es geht unmittelbar hinein in die Slovenske Gorice, die windischen Bühel.
Diese sanfte, ehemals zweisprachige Hügellandschaft bietet abwechslungsreiches und genussvolles Rennradterrain. Auch wenn es fast ununterbrochen rauf und runter geht, sind die topographischen Schwierigkeiten überschaubar, da die Anstiege durchwegs recht kurz und meist nicht allzu steil sind.
Nach einigen welligen Kilometern kommt man nach Zgornja Volicina, wo der steilste der zahlreichen Anstiege des Tages wartet. Immerhin eine Durchschnittssteigung von über 10% gilt es zu bezwingen, wobei nach gut einem Kilometer die Bergwertung in Spodnja Volicina erreicht ist. Wer jetzt von Höhenmetern noch nicht genug hat, kann noch ein paar Bonuspunkte sammeln und den rund 40 Meter hohen Aussichtsturm besteigen. Das haben wir uns natürlich nicht entgehen lassen.
Nach der flachen Querung des breiten Tales der Pesnica geht es dann hügelig weiter. Über Vitomarci, Cerkvenjak und dem Blagus-See macht die Runde eine weitgezogene Schleife und sucht sich dann ihren weiteren Verlauf in Richtung Süd-Westen durch die Hügel.
Nach Jursinci wird neuerlich das Tal der Pesnica gequert und nach einigem Auf und Ab auf anhaltend ruhigen Straßen wechselt man wieder hinüber in das Tal der Drau und erreicht den Ausgangspunkt.
Das Draufeld ist eine sich südöstlich von Maribor ausbreitende Ebene. Während in den umgebenden Bergen und Hügeln – dem Bacherngebirge im Westen, dem südlich gelegenen Weinbaugebiet Kollos an der Grenze zu Kroatien und den Windischen Büheln im Norden und Osten – der Winter in der Regel doch recht streng verlaufen kann, am Pohorje bei Maribor macht auch jährlich der alpine Ski-Weltcup halt, entpuppt sich das Draufeld in den letzten Jahren zunehmend als Ausweichgebiet, wenn der Winter den Zentralalpenraum fest im Griff hat. Dass dabei noch etliche Sehenswürdigkeiten direkt am Weg liegen, macht diese Runde rund um das Draufeld nur umso lohnender.
Die erste Sehenswürdigkeit gibt es gleich beim Ausgangspunkt in Maribor zu bestaunen. Hier in Lent, dem ältesten Stadtteil Maribors, direkt am Ufer der Drau befindet sich nämlich das Haus der alten Rebe. Diese alte Rebe ist mit über 400 Jahren der angeblich älteste, jährlich tragende Weinstock der Welt. Von den jährlich etwa 50 Kilo geernteten Trauben wird ein exklusiver Wein hergestellt, dessen Qualität mit dem Preis allerdings nicht mithalten kann, wie hinter vorgehaltener Hand gemunkelt wird.
Doch selbst diese Attraktion kann uns nicht halten, die Drau wird überquert und Maribor in südlicher Richtung verlassen. Der anfänglich noch störende Verkehr nimmt rasch ab und an den östlichen Ausläufern des Pohorje, dem Hausberg Maribors, geht es südwärts. Bald wartet ein kurzer Anstieg hinauf zur Kirche von Creta. Hier wartet das erste kurze Schotterstück, das bereits nach wenigen Metern bewältigt ist. Der Verlockung, dem asphaltierten Weg weiter bergauf zu folgen, sollte man nicht erliegen, denn nach wenigen Metern geht auch hier der Asphalt in einen grenzwertig zu befahrenen Forstweg über. Nachdem wir der Versuchung erlegen sind, wissen wir, wovon wir schreiben!
Nach kurzer Abfahrt ist das Draufeld wieder erreicht, wo es nun wieder flach auf Großteils kleinen Straßen südwärts geht. Nach etwa 30 Kilometern ist der kleine Ort Cresnjevec erreicht, wo die Grundrichtung der Runde nach Osten umschwenkt. Entlang des Hügelkamms, der das Draufeld im Süden begrenzt, verläuft eine kleine, nette und kaum befahrene Straße, der man bis Podloze folgt.
Oben am Hügelrücken thront der bekannte Wallfahrtsort Ptujska Gora mit der von weitem sichtbaren Basilika, die als eines der schönsten und bedeutendsten gotischen Baudenkmäler Sloweniens gilt. Die Steigung ist rasch erklommen und hinter der Hügelkette geht es gemächlich der Dravinja entlang talauswärts.
Wer es lieber gemütlich angehen will, folgt der Straße weiter bis Videm. Das angenehmere Höhenprofil und vor allem die besseren Straßen sprechen eindeutig für diese Variante. Was also spricht dafür, nach nur sieben Kilometern neuerlich Richtung Süden abzubiegen und die nächste Hügelkette zu erklimmen? Noch dazu auf mehr als dürftigen, im oberen Bereich nochmals geschotterten Straßenverhältnissen? Das überzeugendste Argument für hierfür ist definitiv der dadurch gewonnene landschaftlich schönste Teil der Runde.
Wir befinden uns hier im Weinbaugebiet Kollos, das frappant an die Südsteiermark erinnert. Schöne Blicke über die von Weinbergen durchsetzte Hügellandschaft bis hin zum slowenisch-kroatischen Grenzkamm entschädigen allemal für die schlechten Straßenverhältnisse im kurzen Anstieg, die sich schlagartig bessern, sobald der höchste Punkt erreicht ist. Die zu unserer Freude jetzt wieder bestens asphaltierte Straße, die sich zunächst am Kamm und dann hinunter nach Podlehnik schlängelt, lässt das Radfahrer-Herz höher schlagen.
Ist Videm dann erreicht, beruhigt sich auch das Höhenprofil wieder. Flach geht es zurück in Richtung Norden. Ptuj ist bald erreicht, und nachdem auch etwa zwei Drittel der Runde hinter uns liegen, sollte man sich in diesem wunderschönen Städtchen, das noch dazu sowohl die älteste Stadt Sloweniens, als auch des ehemaligen Herzogtums Steiermark ist, eine Espressopause gönnen. In dieser einst bedeutendsten Stadt der Region wurde im Jahr 69 bereits Kaiser Vespasian zum römischen Kaiser ausgerufen.
Nach der verdienten Pause geht es dann der Drau entlang flussaufwärts zurück Richtung Maribor, wobei vor allem die ersten zehn Kilometer ab Ptuj verkehrsarm und reizvoll sind.
Allzu lange ist es nicht her, dass sich die Grazer hauptsächlich wegen der etwas günstigeren Zigarettenpreise ins nahe Slowenien gewagt haben. Diese Zeiten sind vorbei: zuerst entdeckten die steirischen Weinbauern die Fruchtbarkeit der jenseits der Grenze liegenden Böden, Maribor wurde zur Kulturhauptstadt Europas und auch unter Wanderern erfreuen sich die Slovenske Gorice, die Windischen Bühel, immer größerer Beliebtheit. Zeit also, dass auch wir Radfahrer diesem Kleinod einen Besuch abstatten.
Ausgangspunkt dieser schönen, aber nicht ganz kurzen Runde ist Trate, eine kleine Streusiedlung auf slowenischer Seite, das nur durch die Murbrücke vom steirischen Mureck getrennt ist. Parken ist entlang der Straße etwas flussabwärts der Brücke gut möglich.
Bedrohlich erhebt sich das Schloss Obermureck über dem Parkplatz und tatsächlich ist in den mittelalterlichen Gemäuern das Museum des Wahnsinns untergebracht. Schloss und Wahnsinn werden zurückgelassen und diese erste Steigung des Tages führt uns hinauf und hinein in die Windischen Bühel, die wie ihre Gegenspieler auf steirischer Seite von Weinbergen überzogen sind. Es gibt wahrlich schlechtere Rennradreviere.
Durch den im beschaulichen Globovnica-Tal gelegenen Ort Jurovski Dol geht es südwärts und kurz darauf erreicht man Lenart, den Hauptort der Gegend. Die Runde wendet sich nun Richtung Osten, verläuft aber nach wie vor auf zumeist kleinen Straßen durch die auslaufenden Hügel.
Es wird zunehmend flacher und spätestens nach Überquerung der Mur und Eintritt in die historische slowenische Region Prekmurje, das Übermurgebiet, wird es gänzlich flach. Murska Sobota wird passiert und glücklich kann man sich schätzen, wenn man hier Windunterstützung erfährt.
So kämpft man sich also durch die Heimat des Katusha-Profis Simon Spilak. Weil man aber nicht so ohne weiteres die Gesamtwertung der Tour de Romandie und sogar zwei Mal der Tour de Suisse gewinnt, wird das Gelände nach neuerlicher Überquerung der Mur wieder anspruchsvoller.
Nachdem man die bekannte Mineralwasserquelle Radenska passiert hat, geht es wieder hinein in die Windischen Bühel und nach einigem Auf und Ab, mit aber durchwegs sanften und fairen Steigungen geht es im perfekter Rennrad-Szenerie zurück zum Ausgangspunkt.