Cyclist DEV

Weder besonders hoch ist er, noch besonders schwer. Er hat auch keine glorreichen und schmerzerfüllten Heldengeschichten vom Giro d’Italia zu erzählen. Und auch auf der Wunschliste des engagierten und weit herum kommenden Genuss-Fahrers sucht man ihn meist vergebens. Dieses Schattendasein hat sich der Passo di San Boldo mit Sicherheit nicht verdient. Für uns jedenfalls ist er eine absolute Attraktion, deren Befahrung immer wieder lohnend ist. Gemeinsam mit der knüppelharten Nordseite des benachbarten Passo Praderadego bilden diese zwei Pässe eine unvergessliche Runde, die einen noch lange schwärmen lässt.

 

Der Passo di San Boldo verbindet das Val Mareno in der Prosecco-Region mit dem nördlich gelegenen Val Belluna, durch das die Piave fließt. Während die Anfahrt von Norden ein logischer Passübergang ist, mutet es schon ziemlich verwegen an, eine Straße durch die nahezu senkrechte Felswand auf der Südseite zu planen und auch zu verwirklichen. Wenn man sich dann noch dazu vor Augen führt, dass diese Straße in nur drei Monaten gegen Ende des ersten Weltkrieges zur Versorgung der Piave-Front aus dem Fels gesprengt wurde, kann man sich die Entbehrungen und das Leid der großteils zwangsweise rekrutierten Arbeiter vorstellen. Der Beiname “Straße der 100 Tage” kommt also nicht von ungefähr.

Um schweres Kriegsgerät transportieren zu können, durfte die Steigung zwölf Prozent nicht überschreiten. Das konnte nur erreicht werden, indem die Kehren des obersten Abschnitts durch enge Tunnels geführt wurden. Welch imposante Straßenführung!

Vom Ausgangspunkt in Tovena geht es von Beginn an bergauf. In moderater Steigung geht es ein kurzes und enges Seitental des Val Mareno hinein, bevor nach nur einem Kilometer die ersten Kehren beginnen. Je höher man kommt, umso mehr fragt man sich, wohin in diesem felsumrahmten Talschluss die Straße hinführen soll. Und unvermittelt türmen sich dann die Kehren, Brücken und Tunnels über einem auf. Ein außergewöhnliches Raderlebnis, dass dank der LKW- und Bussperre, sowie der Ampelregelung für PKWs noch dazu recht exklusiv zu genießen ist.

Allzu bald ist die Passhöhe erreicht und man fragt sich, was nach diesem phänomenalen aber nur sechs Kilometer langen ersten Teil noch kommen soll. Aber noch hat die Runde ihr Pulver nicht gänzlich verschossen.

Es folgt zunächst eine panoramareiche Abfahrt hinunter ins Val Belluna mit phantastischen Blicken in die Belluneser Dolomiten und nach einem kurzen Flachstück folgt schon der nächste Abschnitt. Und der hat es in sich. Zunächst geht es noch wellig zurück Richtung Süden, doch ab dem Weiler Valmaor ist es vorbei mit der Ruhe. Zwar sind “nur” etwas über 400 Höhenmeter auf den nächsten vier Kilometern zu überwinden, doch bereits die erste Rampe sprengt locker die 20% Marke und sie ist beileibe nicht das schwerste der noch folgenden Steilstücke. Liebhaber rhythmischer und gleichmäßiger Anstiege werden hier nicht glücklich, doch ohne die flacheren Meter wäre der Anstieg kaum zu bewältigen.

Während die Nordrampe mehr oder weniger kurvenlos durch die einsamen Wälder nach oben zieht, präsentiert sich die Südseite, die es nun hinunter geht, wesentlich abwechslungsreicher. Zahlreiche Serpentinen schlängeln sich durch die teilweise überhängenden Felswände hinunter nach Cison di Valmarino, von wo man vorbei am mächtigen Castel Brando in wenigen Kilometern den Ausgangspunkt erreicht.

Zu erzählen gibt es von dieser Runde auf jeden Fall reichlich.

 

Bei Prosecco denkt man zuerst einmal an italienischen Frizzante, wohl erst in zweiter Linie an ein phantastische Rennradgebiet in Oberitalien. Die von wahren Traumstraßen durchzogenen Hügel zwischen Valdobbiadene, Conegliano und Vittorio Veneto sind immer einen Kurzurlaub wert und das selbstverständlich nicht nur wegen der Rennrad-Möglichkeiten.

 

Prosecco ist der beste Beweis dafür, dass trotz aller Liebe zum Liberalismus staatliche Regulation unverzichtbar ist: Seit 2010 ist die vorher keinerlei Regulierung unterworfene Bezeichnung Prosecco nämlich streng geschützt und darf nur mehr für Weine verwendet werden, die in definierten Gebieten in Venetien und Friaul gekeltert, vinifiziert und abgefüllt werden. Prosecco ist also eine Herkunftsbezeichnung, die mittlerweile gleichermaßen für die Qualität der Weine wie für die der Rennrad-Touren bürgt.

Nun aber genug der Theorie und hin zur Vorstellung dieser wunderschönen Runde in den Hügeln des Prosecco-Weingebietes.

Gestartet wird in Vittorio Veneto, das erst Mitte des vorletzten Jahrhunderts durch Zusammenschluss der beiden Orte Ceneda und Serravalle gegründet wurde. Vor allem der nördlich gelegene Stadtteil Serravalle ist mit seiner wunderschönen Piazza Flaminio unbedingt einen kleinen Umweg wert, bevor man die hektische Kleinstadt hinter sich lässt und in die verträumte Hügellandschaft eintaucht.

Gleich der längste Anstieg des Tages bringt uns hinauf nach San Lorenzo. Es sind zwar nur 250 nicht allzu steile Höhenmeter zu bezwingen, doch sollte man sich nicht zu früh dem Übermut hingeben und etwas mit seinen Kräften aushalten. Flache Abschnitte halten sich nämlich gut versteckt und in ständigem Auf und Ab geht es westwärts. Bewaldete Abschnitte wechseln mit unendlich erscheinenden Weinbergen und immer wieder verlangt die Szenerie nach einer Fotopause.

Nach einer zweiten etwas längeren Steigung erreicht man Combai, wo der wohl schönste Abschnitt der Prosecco-Weinstraße beginnt. Über Guia und Santo Stefano schlängelt sich die Straße durch die endlosen, wie gemalt erscheinenden Weinberge und allzu früh ist Valdobbiadene, der Hauptort des Proseccos erreicht. Valdobbiadene wurde im ersten Weltkrieg fast vollständig zerstört und hat deshalb nicht allzu viel zu bieten, außer einem guten Espresso vielleicht im altehrwürdigen Antico Caffè Commercio am zentralen Kreisverkehr.

Valdobbiadene ist der westliche Wendepunkt der Runde und der Rückweg ist auf weiten Strecken nicht minder schön, weist aber deutlich weniger Höhenmeter auf als die erste Rundenhälfte. Und so kann man sich gedanklich schon mit dem Abendessen und dem obligaten Schluck Prosecco beschäftigen.

 

Na, ja: Regen ist ja nicht gerade des Radfahrers Lieblingswetter. Dabei haben wolkenverhangene Weinberge auch ihren Reiz und hat man sich erst einmal darauf eingestellt, ist es mit entsprechender Ausrüstung ein Erlebnis, dass ab und zu zum Radfahren einfach dazu gehört. Und so haben wir uns an einem November-Nachmittag verwegen in den oberitalienischen Regen getraut, um diese lohnende Runde im Osten der Prosecco-Region in Angriff zu nehmen. Aber keine Angst, natürlich ist Regen für diese Runde keine Grundvoraussetzung und sie macht bei Sonne gleich noch einmal so viel Spaß.

 

Ausgangspunkt ist Refrontolo, ein kleines Örtchen mitten in den Hügeln des Prosecco-Gebietes. Weinberge, soweit das Auge reicht und man tut sich mit der Entscheidung schwer, welche Richtung man einschlagen soll. Wirken doch alle gleich einladend.

Wir entscheiden uns, die Runde entgegen dem Uhrzeigersinn zu fahren und in Richtung Süden aufzubrechen. Grob kann man diese Runde in zwei Abschnitte unterteilen: die sanften Hügel der südlicheren Rundenhälfte und den deutlich anspruchsvolleren Norden, wo die Weinberge teilweise von Eichen- und Kastanienwäldern abgelöst werden.

Doch flach ist auch der erste Teil der Runde nicht. Um die schönen Straßen auf den Hügelrücken genießen zu können, gehören sie zuerst erklommen. Die Anstiege sind nie besonders lang oder steil, folgen aber doch so regelmäßig aufeinander, etwa hinauf nach Santa Maria in Felleto und wenig später nach Rua di Felleto, dass keine Langeweile aufkommt.

Nach Corbanese geht es kurz auf der Hauptstraße Richtung Tarzo, bevor man dann für den Rest der Runde den Verkehr weit hinter sich läßt. Einsame Sträßchen schlängeln sich die bewaldeten Hügel hinauf, bevor sich unvermittelt ein unvergesslicher Blick eröffnet. Von Weinbergen umgeben liegt das malerische Weinbau-Dorf Rolle, in dem die Zeit still zu stehen scheint. Dass dem nicht ganz so ist, und man hier sehr wohl die Fruchtbarkeit des Bodens zu vermarkten versteht, beweisen allerdings die zahlreichen geschmackvoll und aufwendig restaurierten bzw. neu gebauten Weingüter in der Umgebung des Ortes.

Damit ist die Runde auch fast vollendet. Es geht nur noch hinunter nach Refrontolo und selbstredend, dass sich jetzt zum Ende hin die Wolken doch noch lichten. Auf Regen folgt halt doch immer Sonnenschein.

Nach so viel körperlicher Ertüchtigung in den Weinbergen darf man sich jetzt mit gutem Gewissen dem leiblichen Wohl hingeben. Zum Prosecco-Genuss ist allerdings anzumerken, dass Prosecco mit dem Alter sein Fruchtigkeit verliert und unbedingt frisch getrunken werden sollte. Also nichts übrig lassen, nächstes Jahr gibt es neuen Wein. Salute!

 

Irgendwie zieht es uns meistens in die Berge. Dass aber auch die Ebenen ihren Reiz haben, beweist diese wunderschöne Runde im Kernland des italienischen Radsports. Keine allzu großen Schwierigkeiten, keine längeren Steigungen, dafür idyllische Straßen, wunderschöne mittelalterliche Städtchen, unzählige allein oder in Gruppen entgegenkommende Ciclisti und die ein oder andere gepflegte Espresso-Pause: kein Wunder, dass hier die Heimat so bekannter Rennradhersteller wie Pinarello, Basso oder Willier ist. Hier herrscht Rennradkultur pur!

 

Vom Ausgangspunkt in Bassano del Grappa heißt es zunächst einmal, sich einen Weg aus dem etwas unübersichtlichen Straßengewirr zu suchen. Ist dies endlich geschafft, taucht man ein in die wunderbare Hügellandschaft, die sich zwischen Brenta und Piave vor dem Monte-Grappa-Massiv ausbreitet. Zentrum dieser großartigen Landschaft ist Asolo, das der Vereinigung der schönsten Orte Italiens angehört. Die Hügel sind vor allem vom Weinbau geprägt und, wie auf der anderen Seite des Piave rund um Valdobbiadene wird hier in erster Linie Prosecco gekeltert.

Nach Erreichen des östlichen Endes dieser Hügelkette wird ein Ausläufer der venezianischen Tiefebene durchquert und schon folgt die nächste Erhebung, der Montello. Dieses im ersten Weltkrieg genauso blutig umkämpfte Gebiet wie der nahe Monte Grappa wird auf seiner nördlichen Seite entlang des Piave umrundet. Wir ignorieren sämtliche Hinweistafeln auf die zahlreichen diesen Hügel überspannenden Radwege und erst an dessen östlichem Ende in Nervesa della Battaglia ist der Wendepunkt erreicht.

Erst jetzt geht es auf den Montello hinauf, der nun von Ost nach West überquert wird. Nur der erste Abschnitt zu Beginn des Anstiegs ist recht steil, die restlichen Kilometer bis auf den etwa 360 Meter über dem Meer gelegenen höchsten Punkt der Runde fallen dann eher in die Kategorie “gemütlich”.

Nach der Abfahrt vom Montello erreicht man wieder die Tiefebene und bis auf eine kleine Rampe bei Montebelluna sind die noch ausstehenden 30 Kilometer zurück bis Bassano vollkommen flach.

Es ist ein warmer, sonniger und windstiller Samstag-Nachmittag Ende Mai, mit einem Wort: ein herrlicher Radtag! Und trotzdem bin ich nicht irgendwo draußen auf der Suche nach neuen Straßen, sondern sitze mit zugezogenen Jalousien auf dem Ergometer vor dem Fernseher. Schuld daran ist die vorletzte Etappe des 100. Giro d’Italia, die mich voll in ihren Bann zieht. Nach Überquerung des Monte Grappa erreicht der Kampf um das Maglia rosa auf dem letzten Anstieg dieses Jubiläums-Giro seinen Höhepunkt. Und dieser letzte Anstieg hinauf nach Foza lässt keinen Zweifel aufkommen: Diese grandiose serpentinenreiche Straße gehört in unser Roadbook!

 

Nur eine Woche später ist es soweit. Bassano del Grappa ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für Rennradtouren, sowohl in die venezianische Tiefebene als auch in die unmittelbar hinter Bassano del Grappa aufragenden Alpenausläufer.

Der oben erwähnte Anstieg, der im Mittelpunkt dieser Runde steht, zieht vom tief und schmal eingeschnittenen Tal der Brenta hinauf nach Foza. Foza liegt auf der Hochebene von Asiago und ist eine der sieben zimbrischen Gemeinden, in denen sich lange ein alter deutscher Dialekt, das Zimbrische, halten konnte.

Die Fahrt von Bassano durch das Brentatal führt am östlichen Ufer auf einer kleinen Straße flussaufwärts. Sie verläuft zwar etwas verwinkelt, taugt aber allemal zum Einrollen; auf der besser ausgebauten Straße auf der anderen Flussseite wird später der Rückweg verlaufen.

Nach 14 Kilometern ist Valstagna erreicht. Der nette kleine Ort ist bei unserem Besuch noch ganz in Rosa gekleidet und man fühlt sich schon im besonderen Maße beflügelt, nur eine Woche nach den Radstars den nun folgenden Anstieg nach Foza in Angriff zu nehmen.

In Rund 20 Kehren schlängelt sich die Straße hinauf auf das Hochplateau von Asiago und obwohl es immerhin 900 Höhenmeter zu überwinden gilt, meint es dieser Anstieg gut mit uns. Nicht nur, dass so eine grandiose Straße in herrlicher Landschaft einfach nur Spaß machen kann, es halten sich auch die Schwierigkeiten vornehm zurück und nur selten werden mehr als sechs bis sieben Steigungsprozente erreicht: ein Anstieg für Genießer.

Während der Giro in Foza Richtung Asiago abgebogen ist, ist unser Anstieg noch nicht zu Ende. Nach einem zwei Kilometer langen Flachstück folgen noch einmal drei Kilometer Steigung und knapp 300 Höhenmeter hinauf in das schöne Almengebiet von Marcesina. Traumhaften Blicke in die Dolomiten garnieren eine grandiose Schleife, die zum höchsten Punkt der Runde, dem kleinen Schigebiet Enego 2000, führt. Was für eine herrliche Rennradstrecke!

Es folgen über 1000 Höhenmeter Abfahrt hinunter ins Tal der Brenta. Dabei passiert man den Hauptort der Region Enego, das ebenfalls zu den Sieben Gemeinden zählt.

Am Talboden angekommen, überquert man Brenta und Schnellstraße und befindet sich schon im nächsten Anstieg. Vorbei an der Festung von Primolano geht es nach Fastro und von hier weiter auf einem einsamen Sträßchen auf die Sella della Val Nevera.

Ebenso idyllisch, wie es die eine Seite hinauf gegangen ist, geht es auf der anderen Seite hinunter in das kleine Dorf Arsie und dann dem schönen Stausee Lago del Corlo entlang auf einem kleinen, auf weiten Teilen für den Autoverkehr gesperrten Sträßchen wieder hinaus ins Brentatal.

Bei Cismon kann man auf einer Hängebrücke die Brenta überqueren, und dann geht es mit sanftem Gefälle und – hoffentlich – Rückenwind der Brenta entlang talaus nach Valstagna und Bassano del Grappa.

Restlos geklärt ist die Herkunft der Zimbern ja nicht. Sind sie Nachfahren von in der Antike Richtung Süden ausgewanderten Dänen, sind sie Nachfahren versprengter Goten oder Langobarden, oder doch – der meist verbreiteten Theorie entsprechend – Handwerker und Bauern aus dem bayerischen Raum, die im 11. und 12. Jahrhundert die bis dahin menschenleeren Hochebenen nördlich von Verona und Vicenza besiedelt haben? Auf jeden Fall handelt es sich bei den von den Zimbern besiedelten Gebieten um Sprachinseln, wo am weitesten südlich autochthon ein deutscher Dialekt gesprochen wird. Eine dieser Sprachinseln, in die uns diese Runde führt, befindet sich nördlich von Vicenza auf der Hochebene der sieben Gemeinden, zimbrisch: Hoga Ebene bon siben Komoine. Und auch wenn Sprachwissenschaftler wohl etwas enttäuscht sein werden, denn das Zimbrische wurde in dieser Gegend fast vollständig vom Italienischen ersetzt, Rennradfahrer kommen hier allemal auf ihre Kosten.

 

Ausgangspunkt dieser Runde ist das unmittelbar am Fuß der Alpenausläufer gelegene Bassano del Grappa. Und weil Kultur ja auch nicht zu kurz kommen soll, passiert man gleich zu Beginn der Runde die Ponte degli Alpini, eine überdachte Holzbrücke aus der Renaissance. Sobald man sich seinen Weg durch die Touristenströme gebannt hat, ist es dann aber vorbei mit dem Sightseeing und der Hauptanstieg des Tages beginnt. Zunächst ist die Steigung noch gnädig mit einem, richtig hart wird es aber, nachdem man kurz nach dem kleinen Ort Pradipaldo die Hauptstraße verlässt. Eine kleine Straße zieht serpentinenreich nach oben, und im rein südseitig ausgerichteten, sonnenexponierten Hang kommt es einem noch wesentlich steiler vor als die ohnehin erreichten 20%.

In Rubbio ist das Härteste dann aber überwunden. Es folgt eine schöne aussichtsreiche Fahrt hinüber nach Conco und Lusiana, zwei der sieben zimbrischen Gemeinden. In Lusiana wurde 1946 Sonia Maino geboren. Bekannt wurde sie allerdings nicht unter ihrem Mädchennamen Maino, der häufigste Name in Lusiana, wo es sogar ein eigenes Viertel namens Maini gibt, sondern als Sonia Gandhi, nach ihrer Heirat mit dem späteren indischen Premierminister Rajiv Gandhi. Sie selbst ist nach wie vor Vorsitzende der indischen Kongresspartei.

Von Lusiana geht es dann noch einmal 500 Höhenmeter bergauf, allerdings lange nicht so steil wie zuvor auf die Hochebene. Nach einer langen Querung mit schönen Blicken über die venezianische Tiefebene erreicht man den höchsten Punkt der Runde knapp unter dem Monte Corno.

Während es an Werktagen angenehm ruhig ist, hat man an heißen Sommer-Wochenenden das Gefühl, ganz Venetien pilgert hier herauf. Macht aber nichts, weil die Straßen trotzdem frei sind. Klappstühle und -tische werden aufgebaut, am Straßenrand reiht sich Camper an Camper, es wird gewandert und gejausnet: man kommt sich fast wie beim Giro vor. Es gibt wahrlich Schlimmeres!

Es folgt eine grandiose 800-Höhenmeter-Abfahrt, dann ist man im Hügelland angekommen, durch das es zurück Richtung Bassano geht. Im schönen mittelalterlichen Städtchen Marostica, das komplett von einer schon von weitem sichtbaren Stadtmauer umgeben wird, bietet es sich an, ein Espresso in einem der netten Cafés am Hauptplatz zu schlürfen. Auf den letzten Kilometer zurück zum Ausgangspunkt können dann schon Pläne für die nächste Ausfahrt geschmiedet werden.

Caorle ist neben Grado sicher der reizvollste der zahlreichen Badeorte an der oberen italienischen Adria. Nicht umsonst wird es auch als Klein-Venedig bezeichnet. Neben kilometerlangen Sandstränden, einer netten Altstadt mit eng verwinkelten Gassen, einem sehenswerten Dom aus dem 11. Jahrhundert und einer bei Fischern und Ornithologen beliebten Lagune kann es außerdem mit einem Hinterland aufwarten, das von einer Vielzahl an kleinen, verkehrsfreien Straßen durchzogen wird, die wie fürs Rennradfahren gemacht sind. So läßt sich der Urlaub genießen.

Wer nicht ohnehin seine Zelte in Caorle aufgeschlagen hat, findet rund um das Stadtzentrum zahlreiche öffentliche Parkplätze.

Am Beginn der Runde steht ‘Adria-Sightseeing’ am Programm: Um dem Verkehr Richtung Jesolo auszuweichen, empfiehlt sich nämlich ein Abstecher in den modernen Stadtteil Porto Santa Margeritha, einem der größten Yachthäfen Venetiens.

Nach dem kleinen Ort Briàn nimmt der Verkehr dann schlagartig ab. Entlang des Canale Largon geht es an Weinbergen und Reisfeldern entlang nach Torre di Fine und zum Piave, der auf einer etwas wackeligen, schwimmenden Brücke überquert wird. Dem Piave flußaufwärts folgend erreicht man Eraclea, von wo es landein auf kleinen, brettebenen kleinen Straßen weiter ins Landesinnere geht.

Die Landschaft ist landwirtschaftlich geprägt. Weinbau wechselt sich mit Getreidefeldern ab und immer wieder ziehen die Sträßchen entlang kleiner Kanäle, die zur Bewässerung der Felder angelegt wurden. Kurz vor Santo Stino di Livenza ist der nördliche Wendepunkt der Runde erreicht und der Livenza entlang geht es zurück zum Meer.

Im touristischen Trubel mag es manchmal untergehen: Das Hinterland von Caorle hat schöne Landschaften und viel Natur zu bieten. Fischreiher und Fischer reihen sich entlang der Flüsse aneinander und selbst dem vogelkundlichen Laien fällt auf, dass hier eine verblüffende Vielzahl an Vogelarten anzutreffen ist.

Schließlich erreicht man wieder Caorle und nach einer Runde durch die Altstadtgassen gibt es das verdiente prima colazione in einem der netten Cafés.

 

 

Zugegeben, Höhenmetersammler werden im italienischen Tiefland wohl nicht glücklich. Wer aber im Rahmen eines Strandurlaubs in Jesolo oder einiger Kulturtage in Venedig etwas Ruhe und Entspannung sucht, kommt hier durchaus auf seine Kosten. Und ja, es gibt sie auch in dieser vielbesuchten und hochfrequentierten Gegend, die kleinen verkehrsfreien Straßen, die das Salz in der Suppe des Rennradfahrers sind.

Unser Ausgangspunkt ist das bei Strandurlaubern beliebte Jesolo. Ich habe aber die Vermutung, dass unter den knapp 5 Millionen Urlaubern jährlich auch einige Asphaltästheten sind. Denn immerhin pedalieren auch einheimische Rennradfahrer in der Gegend, sodass es durchaus Sinn macht, sich die Sache einmal näher anzusehen.

Wer es irgendwie schafft, sich im Urlaub aufzuraffen und bei Morgengrauen aufzustehen, verbringt die schönste Zeit auf dem Rad: Die Temperaturen sind noch angenehm kühl, der Touristenstrom zu den Stränden ist noch nicht angerollt und die Morgensonne zaubert ganz besondere Stimmungen über die erwachende Lagune. Diese besonderen Momente suchen wir.

Vom Parkplatz beim Rathaus von Jesolo geht es am westlichen Ufer des Sile nach Caposile. Auf kurzzeitig etwas größere Straßen folgen bald wieder wunderbar einsames Gelände. Auch ein Intermezzo auf der etwas dichter befahrenen SS14 vor Portegrandi stört nicht wirklich, wenn man weiß, daß dieser Abschnitt nur fünf Kilometer lang ist und man danach wieder die Ruhe genießen kann.

Nennenswerte Hindernisse stellen sich einem nicht in den Weg. Die wenigen Höhenmeter kommen nur durch vereinzelte Straßenübergänge und Brücken zu Stande. Nachdem man dem Verlauf des Sile fast bis Treviso gefolgt ist, wird es Zeit, rechtzeitig vor dem Einsetzen des Stadtverkehrs umzudrehen. Und so geht es in gleich beschaulicher Tonart zurück nach Caposile und Passarella.

Ab Passarella macht es sich bezahlt, wenn man noch vor der anrollenden Touristenwelle unterwegs ist, denn die nächsten Kilometer können sonst recht unangenehm sein. Dabei scheint die parallel verlaufende und auf den Landkarten deutlich kleiner eingezeichnete Via Tram noch deutlich mehr Verkehr aufzuweisen hat, als die hier empfohlene Via San Marco.

Ab Eraclea geht es dem Piave entlang in das kleine Fischerdorf Cortellazzo und dann entlang der unzähligen Campingplätze und Hotels des östlichen Lido di Jesolo zurück zum Ausgangspunkt.

Und weil die 20 Höhenmeter nicht all unsere Kraft und Energie gekostet haben, steht einem entspannten Tag am Strand oder im nahen Venedig nichts im Weg.